Sinnenfreude

Wegwort vom 17. Juli 2017

Neulich war ich mit Freunden im Zürcher Dunkelrestaurant «Blinde Kuh». Handys und Uhren hätten dieses Erlebnis stören können. Wir mussten sie abgeben. Ein Angestellter führte uns als Schlange in den dunklen Speiseraum. Jeder hielt sich dazu an den Schultern des Vorangehenden fest. Dann bekam jeder seinen Platz zugewiesen.

Meine Ohren waren bewusster auf Empfang. Ich musste mich anstrengen, den Umgebungslärm auszublenden. Wo die andern sassen, ortete ich über ihre Stimmen.
Ich erkundete mit den Händen meinen Sitzplatz. Vor mir auf dem Tisch lag ein Tischset aus Papier. Mit meinen Fingerspitzen spürte ich, dass darauf etwas mit Blindenschrift geschrieben war. Ich tastete nach meinem Glas und Besteck.
Der Kellner rief: «Hier kommt ein Gruss aus der Küche!» und stellte einen Teller vor mich hin. Ich spürte den aufsteigenden Dampf im Gesicht.
Für mich schmeckte die Suppe nach Krautstielen.
Ich sass mit offenen Augen in der Dunkelheit. Ich konnte nichts sehen. Ich habe den Abend trotzdem genossen. Ich nahm mich selber und meine Umgebung sehr intensiv wahr.
Als uns die Bedienung wieder hinausführte, sagte sie: «Passen Sie auf! Das Licht könnte Sie blenden!»

Ich preise dich, dass ich so herrlich, so wunderbar geschaffen bin;
wunderbar sind deine Werke, meine Seele weiss dies wohl.
Psalm 139, 14

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