0 und 1
Unsere digitale Welt kennt nur 0 oder 1. Alles was ist, wird in eindeutige Bausteine zerlegt. Doch das Leben – Kriege, Krisen, aber auch die Hoffnung – ist nicht digital. Es ist analog: spannungsvoll, trüb und zutiefst menschlich.
Harald Nägelis Zeichnung „Utopische Wolke“ ermahnt uns. Tausende feine Striche bilden ein Geflecht, das sich jeder binären Logik entzieht. Es gibt hier keine klare Kante, nur ein lebendiges Flirren. Es stellt uns die Frage: Wo bleiben wir als analoge Wesen hinter den digitalen Posts?

| Bild: Harald Nägeli, Utopische Wolke (Wiki Commons) |
Jesus sagt: „Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein.“ (Matthäus 5,37) Das ist kein Aufruf zur Beliebigkeit und gegen klare Entscheidungen. Es ist eine Anleitung gegen Vereinfachungen und zum genauen Hinschauen. Statt alles in kleinste Eindeutigkeiten zu zerlegen, sollen wir unsere Umgebung, die Mitmenschen und uns selbst möglichst genau beschreiben, Unklarheiten nicht frühzeitig aufklären, sondern aushalten und offenlassen. Für viele Menschen bedeutet das auch: Hab den Mut zur eigenen Art, zur eigenen Stimme.
Ein hoffnungsvolles Ja oder ein ehrliches Nein ist immer auch ein Bekenntnis zur Grauzone. Es ist das Ja zum Mitmenschen, in seiner Eigenart; zur Welt, in ihrer geheimnisvollen und veränderungsfähigen Art; zur Schöpfung, die eben kein Datensatz von 0 und 1 ist.