Buddha auf Bullingers Kanzel
Letzthin besuchte eine Delegation des Tibetischen Zentrums Rikon das Grossmünster. Die Mönche, die alle sechs Jahre in ihrer Besetzung wechseln, wollten sich über die Tradition der reformierten Kirche der Schweiz weiterbilden. Nachdem wir ihnen den Baustil der Kirche und einige Kirchenfester erklärt hatten, blieben wir vorne vor dem Taufstein stehen. Ich deutete auf die Kanzel, die im Grossmünster hoch über uns hängt. Von dort oben gibt es in jedem Gottesdienst ein sehr wichtiges Ritual: die Predigt.

| Bild: Christian Walti |
Die Mönche staunten nicht schlecht über die hohe Holzkonstruktion mit Schalldeckel obendrauf. Ein besonders mutiger von Ihnen fragte, ob er hochsteigen dürfe. Natürlich durfte er. Von oben schaute er auf uns herab und begrüsste uns mit ein paar Worten auf Tibetisch.
Weiter erklärte ich, dass eine Predigt keine gewöhnliche Rede sei, sondern eine Auslegung der Bibel mit Bezug auf die Gegenwart. Aber es sei auch nicht nur Unterricht, sondern zwischen den Worten, die von der Kanzel gesprochen werden, zeige sich eine Bedeutung, die über die blossen Worte hinausging. Heinrich Bullinger formulierte das im Helvetischen Bekenntnis so: «Die Predigt von Gottes Wort (gemeint ist die Bibel) enthält das Wort Gottes.» Das Entscheidende ist nicht, was gesagt wird, sondern was man dahinter hört.
Nach einer Pause bemerkte der erfahrene Abt unter den Mönchen nur: Das sei genau das, was im Buddhismus gesucht wird. Die Bedeutung hinter dem, was gesagt wird. Das, was man nicht aussprechen kann und doch hörbar ist, wenn wir dafür offen sind. Als ob Buddha sich auf Bullingers Kanzel ganz wohl gefühlt hätte.