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Abendlicht

Foto: Veronika Ebnöther

Am Abend beim Bellevue in Zürich senkt sich das Licht über den Uetliberg flach über die Stadt. Menschen sitzen am Ufer des Zürichsees und der Limmat und geniessen die abendlichen Sonnenstrahlen. Das Licht trifft auf die grossen, roten Sonnenstoren eines Restaurants. Nichts Ungewöhnliches und doch entsteht etwas, das über das Sichtbare hinausweist. Das warme Gelb legt sich ruhig und gleichmässig über die Flächen und bleibt für einen Moment stehen. Und die Dinge beginnen, dieses Licht zu tragen.

Der Berner Grafikdesigner Kaspar Allenbach hat ein bekanntes Plakat der Berner Lauben geschaffen, das eine ähnliche Erscheinung zeigt. Die Fassaden und Storen werden vom Abendlicht erfasst und in eine warme, orange Dichte getaucht. Es ist kein dramatisches Leuchten, sondern ein stilles Durchdrungensein. Die Architektur bleibt, was sie ist, und wird zugleich von etwas berührt, das sie verändert, ohne sie zu überformen.

Dieses Angestrahltwerden besitzt eine eigene Klarheit. Es braucht keine Bewegung, keine Handlung. Das Licht kommt von aussen, trifft auf die Oberfläche und entfaltet dort seine Wirkung. Es entsteht Wärme, nicht als Leistung, sondern gleichsam als Folge einer Zuwendung.

Darin liegt eine Erfahrung, die über das Physische hinausweist. Licht wird zu einer Form von Gegenwart. Es berührt, ohne zu fordern. Es bleibt, ohne festzuhalten. Und es macht sichtbar, was bereits da ist, ohne es zu überdecken. In dieser Qualität wird etwas vom Wesen Gottes erfahrbar. Nicht als Abstraktion, sondern als wirksame Nähe. Eine Kraft, die sie zeigt, indem sie berührt. Eine Wärme, die nicht erzeugt werden muss. Ein Licht, das fällt – und in dem sich alles für einen Moment sammelt. (ve)