Abschied nehmen
Heute schreibe ich mein 142. Weg-Wort – und zugleich mein letztes. Denn für mich heisst es Abschied nehmen als Seelsorgerin der Bahnhofkirche. Und da bietet es sich natürlich an, das letzte Weg-Wort dem Thema Abschied zu widmen.
Abschiede prägen unser Leben. Schon kleine Kinder müssen von Mama und Papa Abschied nehmen, wenn es in die Spielgruppe geht, oder vom geliebten Nuggi, weil der ja was für Babys ist. Später heisst es Abschied nehmen von den Schulfreunden und der Ausbildungszeit, vom Heimatdorf, der ersten grossen Liebe oder einer wertvollen Person, die gestorben ist. Eltern nehmen Abschied von ihren Kindern, die von zu Hause ausziehen, irgendwann nimmt man Abschied vom Beruf, weil die Pension bevorsteht, oder von der körperlichen Gesundheit, weil eine chronische Krankheit ausgebrochen ist. Mancher Abschied ist vorübergehend, mancher für immer. Fest steht aber: sich verabschieden zu müssen ist ein fortwährender und lebenslanger Prozess, der uns immer wieder damit konfrontiert, dass alle Dinge vergänglich sind.
Und dennoch: im Abschied nehmen liegt auch schöpferische Kraft. Wer loslässt, schafft Raum für etwas Neues und ermöglicht Wachstum und Wandel. Somit sind Abschiede auch eine Art Prüfstein unseres Vertrauens, weil sie zeigen, ob wir glauben können, dass das Leben weiterträgt, auch wenn wir den Weg noch nicht sehen können. Ja, ich habe die Gewissheit, dass Gott das, was mir lieb war, in anderer Gestalt bewahrt. Und ja, ich darf auch traurig sein, weil etwas zu Ende geht. Zugleich möchte ich mich öffnen für das, was kommt. Wer «Ja» zum Abschied sagt, sagt so auch «Ja» zum Leben. Und so darf ich dieses 142. Weg-Wort schliessen mit einem alten irischen Segen: «Möge Gott auf dem Weg, den du vor dir hast, vor dir hergehen. Das ist mein Wunsch für deine Lebensreise. Mögest du die hellen Fußstapfen des Glücks finden und ihnen auf dem ganzen Weg folgen.»
