An Gottes Tisch

Wie ein Senfkorn, das zum Baum heranwächst und Vögeln Schutz bietet, oder wie ein Stückchen Sauerteig, das eine grosse Menge Teig aufgehen lässt, so beschreibt Jesus das Reich Gottes. Er betont, dass es mitten unter den Menschen beginnt und nicht einer religiösen Elite oder besonders frommen Menschen vorbehalten ist. In der Schriftstelle, die in der Liturgie von heute vorgelesen wird, sagt Jesus: «Und sie werden von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Und siehe, da sind Letzte, die werden Erste sein, und da sind Erste, die werden Letzte sein.» (Lukas 13,29f)

Foto von Norbert Aufrecht auf Pixabay.com

Die einladende Offenheit Jesu hat sich leider nicht dauerhaft durch die Kirchengeschichte hindurchgezogen. Wie jede menschliche Gemeinschaft tendieren auch Glaubensgemeinschaften dazu, sich abzugrenzen, Strukturen und Hierarchien auszubauen, und gewisse Menschen auszuschliessen. Um dem Anspruch Jesu gerecht zu werden, hatten und haben die Kirchen immer wieder Erneuerung nötig.

Ein wichtiger Schritt der Erneuerung geschah vor genau 500 Jahren in Wittenberg: Die Gemeinde feierte mit Martin Luther zum ersten Mal die Messe in deutscher Sprache. So konnten alle Teilnehmenden die Lieder, die Worte der Heiligen Schrift und den Gottesdienst insgesamt verstehen und zu wahrhaft Mitfeiernden werden. Das Zweite Vatikanische Konzil der katholischen Kirche hat dieses Anliegen aufgenommen. Auch heute braucht es Übersetzung, damit verständlich wird, was Christinnen und Christen feiern.

Über hundert Jahre nach der ersten deutschen Messe wurde die evangelische Kirche selbst angemahnt sich zu erneuern. Der Theologe Christian Hoburg, der vor exakt 350 Jahren starb, sah die Lebendigkeit und Wirksamkeit des Glaubens schwinden und rief dazu auf, Christus im Herzen, in der Stille, im Gebet und in gelebter Liebe zu begegnen. Auch heute sind wir aufgefordert, aufmerksam und zu Kurskorrekturen bereit zu sein, damit Menschen aller Himmelsrichtungen gleichwertig an Gottes Tisch Platz finden und sein Reich unter uns wirklicher wird.