Augustschnee
Mitten im Hochsommer feiert die katholische Kirche heute das Fest «Maria zum Schnee». Der Name geht auf eine alte Überlieferung zurück. Im 4. Jahrhundert sollen ein römisches Ehepaar und der Papst denselben Traum gehabt haben: Maria zeigte ihnen einen Ort, an dem eine Kirche gebaut werden sollte. Am Morgen des 5. August lag auf dem Esquilin-Hügel in Rom – trotz Sommerhitze – Schnee. Dort entstand später die berühmte Basilika Santa Maria Maggiore.
Ob damals tatsächlich Schnee fiel oder nicht, wissen wir nicht. Aber die Geschichte hat über Jahrhunderte hinweg Menschen berührt. Weil sie von etwas erzählt, das wir alle kennen: von dem Moment, in dem etwas geschieht, womit niemand gerechnet hat. Schnee im August. Ein Zeichen gegen alle Wahrscheinlichkeit. Ein Hinweis darauf, dass die Wirklichkeit grösser sein könnte als unsere Erwartungen.
Viele Menschen gehen durch den Sommer mit einem vollen Kalender, mit Plänen und Terminen. Oft glauben wir bereits zu wissen, wie die nächsten Wochen verlaufen werden. Das Fest »Maria zum Schnee» erinnert daran, dass Gott sich nicht an unsere Berechnungen hält. Dass Neues entstehen kann, wo wir längst abgeschlossen haben. Dass eine Begegnung, ein Gedanke, ein Wort oder ein unerwarteter Zufall plötzlich eine neue Richtung eröffnet.
Es könnte heute darum gehen, dem Unwahrscheinlichen wieder etwas Raum zu geben. Weder naiv noch weltfremd, sondern offen. Wer Wunder erwartet, erwartet nicht Spektakel. Er rechnet damit, dass Gott handeln kann – leise, unscheinbar und manchmal genau dort, wo niemand hinsieht.
Mitten im August. Mitten im Alltag. Mitten in unserem Leben. (ve)
