Aus demselben Stoff
In jeder Gesellschaft, in der die Idee von Besitz herrscht, entstehen über kurz oder lang Reichtum und Armut, weil nicht alle Menschen gleichermassen in der Lage sind, sich nach den geltenden Spielregeln Eigentum zu schaffen. Je dominierender Besitz als Wert vertreten wird, desto mehr vergrössert sich die Kluft zwischen reich und arm und das Mittelfeld wird immer dünner. Das lässt sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte wieder und wieder beobachten, aktuelle Statistiken belegen diese Tendenz in unserer Zeit und in der Bahnhofkirche begegnen wir ständig Menschen, die diesem Auseinandergehen der Schere zum Opfer fallen.
In der Antike um die Zeit Jesu war es nicht anders, das belegt der Bibeltext, der heute in katholischen Gottesdiensten vorgelesen wird. Es ist das «Magnifikat», das Loblied, welches Maria bei der Begegnung mit ihrer Verwandten Elisabeth über Gott anstimmt. Maria traut ihrem Gott zu, dass er die Situation wendet. Sie betet: «Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.» Mit diesem Lied drückt Maria ihre grosse Hoffnung auf gesellschaftlichen Wandel aus.
In den Weihnachtskrippen kommen reich und arm, Könige und Hirten zusammen. In der philippinischen Krippe, die zurzeit in der Bahnhofkirche steht, sind Könige und Zimmermann, Mutter und Kind aus gerolltem Zeitungspapier zusammengesetzt. Die Krippe verdeutlicht: Wir Menschen sind aus demselben Stoff gemacht, wir alle sind manchmal sensationshungrig, haben unsere körperlichen, sexuellen und sozialen Bedürfnisse und möchten aufrecht und in Würde durch diese Welt gehen.
Vielleicht kommt der im Magnifikat angedeutete Wandel gar nicht gewaltsam, und es gelingt, Gemeinsamkeiten und Bedürfnisse aller anzuerkennen. Dabei stärkt das Bewusstsein, dass wir alle Gotteskinder sind, dass wir mit ihm wirken können statt dagegen, und dass es wichtige andere Werte gibt als bloss den Besitz.
