Auseinander – setzen

Das Christentum ist seit seinen Anfängen eine Religion der Vielstimmigkeit. Es gibt nicht ein, sondern vier Evangelien, die mit je eigener Perspektive den Glauben an Jesus Christus verkünden. In der frühen Kirche stritt man erbittert um das richtige Verständnis Jesu, ob und wie er sowohl Mensch wie Gott sein könne. Das führte zu Ausschlüssen und Trennungen. Ums Jahr 1000 kam es zur endgültigen Trennung der westlichen römischen und den östlichen orthodoxen Kirchen. Nochmal 500 Jahre später trennten sich die katholische Kirche und die Kirchen der Reformation.

Immer neu wird im Christentum um Wahrheit und Einheit gerungen. Die eine Wahrheit jedoch, und die vollständige Einheit – die scheint es nicht zu geben.

Ist das schlimm? Ich finde nicht.

Schlimm ist, wenn Unterschiede übergangen und Scheineinheit behauptet werden. Schlimm ist, wenn andere Überzeugungen verurteilt und ausgegrenzt werden.
Ehrlich finde ich, wenn man sich auseinandersetzt.
In dem Begriff steckt eine Bewegung: Es geht auseinander. Fronten werden geklärt. Unterschiede benannt. Distanz hilft. Sie schafft Raum für das Eigene. Und für das Andere. Wir koexistieren. Was will man noch mehr?

In der Bahnhofkirche sind wir fünf Seelsorgende aus zwei Kirchen. Daraus werden in den Weg-Worten recht unterschiedliche Stimmen. Wir bilden einen minimen Teil der christlichen Vielfalt ab.
Noch reicher wird die Vielstimmigkeit durch die Lesenden, von denen sich der eine oder die andere bestätigend oder auch kritisch zu Wort melden.
Aus diesen Rückmeldungen ergeben sich manchmal Auseinandersetzungen. Das ist toll. Wir müssen uns nicht einig sein. Wir dürfen den Raum zwischen uns spüren.

All den wohlwollenden und kritischen Lesenden meiner Weg-Worte danke ich herzlich. Dies ist mein letztes. Am 31. August werde ich pensioniert. (mb)

Abb: Diverse Weltkarte aus bunten Figuren. Foto (mit Hilfe von KI erstellt): Marco Verch, 2024. Quelle: ccnull.de