• Spiegel des Göttlichen

    Inzwischen sind die Tage deutlich kürzer geworden, und das natürliche Licht nimmt weiter ab. Ich sehne mich nach Aufhellung, für meine Augen und für meine Seele. Den meisten Menschen geht es ähnlich, in dieser Zeit sind depressive Verstimmungen ziemlich verbreitet. Gerade jetzt beginnen das neue Kirchenjahr und die Vorbereitungszeit auf Weihnachten. So als wolle uns die Glaubenstradition aufmuntern: Egal, wie düster und garstig es im Aussen auch sein mag: Der göttliche Beistand ist ganz nahe und will unser Herz wärmen, erhellen und beruhigen. Es erfüllt mich mit Freude, dass in den kommenden Wochen die Kapelle der Bahnhofkirche etwas heller als sonst erscheint, erfüllt von einem besonderen Licht. Das hat mit…

  • Ein Boden für das Fass

    Das Mädchen Alice und das weisse Kaninchen kennen wir aus Lewis Carrolls weltbekanntem Kinderbuch «Alice im Wunderland». Folgender Text kursiert im Internet, der nicht aus diesem Buch stammt und gleichwohl bedenkenswert ist: «Liebst du mich?» fragte Alice. «Nein, ich liebe dich nicht!» antwortete das weisse Kaninchen. Alice runzelte die Stirn und faltete ihre Hände, wie sie es immer tat, wenn sie sich verletzt fühlte. «Siehst du?», sagte das weisse Kaninchen. «Nun wirst du dich fragen, was so unvollkommen an dir ist, und was du falsch gemacht hast, dass ich dich nicht wenigstens ein bisschen lieben kann. Weisst du, aus diesem Grund kann ich dich nicht lieben: Du wirst nicht immer…

  • Eine Sache von Liebenden

    Ist beten noch zeitgemäss? Manchen erscheint es wie der magische Versuch, eine höhere Macht durch Worte zur Erfüllung eigener Interessen und Wünsche zu bewegen. Andere halten das Gebet angesichts des heillosen Zustands der Welt mit ihren Katastrophen und menschlichen Grausamkeiten für wirkungslos oder sehen darin eine Flucht in die Untätigkeit, die einen aktiven Beitrag zur Veränderung eher verhindert statt fördert. Wie bedeutsam beten auch heute ist, dazu kann uns Gertrud von Helfta etwas sagen. Und das mag erstaunen: Schliesslich lebte sie seit ihrem fünften Lebensjahr als Nonne in klösterlicher Abgeschiedenheit und starb vor 720 Jahren am 17. November. Das Zisterzienserinnenkloster von Helfta war zu Gertruds Zeit ein herausragender Ort, an dem…

  • Verliebter Gott

    Die mystische Spiritualität ist mir sympathisch. Es gefällt mir, dass sie weniger auf das Erklären aus ist, und mehr auf das staunende Dasein vor dem Unbegreiflichen. Mystikerinnen und Mystiker verwenden Worte häufig auf überraschende, rätselhafte oder paradoxe Weise. Damit fordern sie die vermeintliche Gewissheit des Verstandes heraus, aber ebenso einen unhinterfragten Glauben. Wieder einmal hat mich einer der Sprüche von Angelus Silesius in seinen Bann gezogen. Der Barockdichter und Mystiker, der eigentlich Johannes Scheffler hiess, hat in seinem Büchlein «Der cherubinische Wandersmann» 1675 Sinngedichte aufgeschrieben. Der angesprochene Vers lautet so: «Kein Ding ist hier noch dort,das schöner ist als ich:Weil Gott – die Schönheit selbst –sich hat verliebt in mich.»…

  • Längere Tische

    Die angespannte Weltlage lässt Menschen zurzeit sorgenvoller werden. Es zirkulieren Ängste vor einem bevorstehenden Mangel: Das Erdgas und die Energie, vielleicht sogar Lebensmittel könnten knapp werden. Die Aussicht auf eine Notlage bewegt dazu, Vorsorge zu treffen und Vorräte anzulegen. Verglichen mit anderen Ländern fallen in der Schweiz wenige Menschen durch die Maschen der Gesellschaft. Die meisten hier haben mehr als genug. Was machen wir mit dem Wohlstand, und was macht er mit uns? Ein Spruch aus den sozialen Medien geht darauf ein: «Wenn wir mehr haben, als wir brauchen, dann lasst uns längere Tische bauen und nicht höhere Mauern.» Unmittelbar kommt mir das Bild eines grossen Quartierfests in den Sinn,…