• Eine Sache von Liebenden

    Ist beten noch zeitgemäss? Manchen erscheint es wie der magische Versuch, eine höhere Macht durch Worte zur Erfüllung eigener Interessen und Wünsche zu bewegen. Andere halten das Gebet angesichts des heillosen Zustands der Welt mit ihren Katastrophen und menschlichen Grausamkeiten für wirkungslos oder sehen darin eine Flucht in die Untätigkeit, die einen aktiven Beitrag zur Veränderung eher verhindert statt fördert. Wie bedeutsam beten auch heute ist, dazu kann uns Gertrud von Helfta etwas sagen. Und das mag erstaunen: Schliesslich lebte sie seit ihrem fünften Lebensjahr als Nonne in klösterlicher Abgeschiedenheit und starb vor 720 Jahren am 17. November. Das Zisterzienserinnenkloster von Helfta war zu Gertruds Zeit ein herausragender Ort, an dem…

  • Verliebter Gott

    Die mystische Spiritualität ist mir sympathisch. Es gefällt mir, dass sie weniger auf das Erklären aus ist, und mehr auf das staunende Dasein vor dem Unbegreiflichen. Mystikerinnen und Mystiker verwenden Worte häufig auf überraschende, rätselhafte oder paradoxe Weise. Damit fordern sie die vermeintliche Gewissheit des Verstandes heraus, aber ebenso einen unhinterfragten Glauben. Wieder einmal hat mich einer der Sprüche von Angelus Silesius in seinen Bann gezogen. Der Barockdichter und Mystiker, der eigentlich Johannes Scheffler hiess, hat in seinem Büchlein «Der cherubinische Wandersmann» 1675 Sinngedichte aufgeschrieben. Der angesprochene Vers lautet so: «Kein Ding ist hier noch dort,das schöner ist als ich:Weil Gott – die Schönheit selbst –sich hat verliebt in mich.»…

  • Längere Tische

    Die angespannte Weltlage lässt Menschen zurzeit sorgenvoller werden. Es zirkulieren Ängste vor einem bevorstehenden Mangel: Das Erdgas und die Energie, vielleicht sogar Lebensmittel könnten knapp werden. Die Aussicht auf eine Notlage bewegt dazu, Vorsorge zu treffen und Vorräte anzulegen. Verglichen mit anderen Ländern fallen in der Schweiz wenige Menschen durch die Maschen der Gesellschaft. Die meisten hier haben mehr als genug. Was machen wir mit dem Wohlstand, und was macht er mit uns? Ein Spruch aus den sozialen Medien geht darauf ein: «Wenn wir mehr haben, als wir brauchen, dann lasst uns längere Tische bauen und nicht höhere Mauern.» Unmittelbar kommt mir das Bild eines grossen Quartierfests in den Sinn,…

  • Ein Hörender werden

    In der Bahnhofkirche gibt es den Raum der Stille, und es erstaunt mich immer wieder, wie wenig ich hier durch das laute Treiben des Hauptbahnhofs gestört werde. Es ist eine Insel für der leisen Töne in mir, und Menschen besuchen diesen Ort gerne. Neulich ist mir ein Text von Sören Kierkegaard begegnet, der auf bedenkenswerte Weise zum Ausdruck bringt, zu welcher Art des Betens mich dieser Raum einlädt. Der Text geht so: «Als mein Gebetimmer andächtigerund innerlicher wurde,da hatte ich immerweniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still.Ich wurde, was womöglichnoch ein grösserer Gegensatzzum Reden ist,ich wurde ein Hörender. Ich meinte erst,Beten sei Reden.Ich lernte aber, dass Betennicht bloss Schweigen…

  • Gelegenheit zum Lieben

    «Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Gesetzeslehre, alles andere ist nur die Erläuterung.» Die Goldene Regel kennen wir aus der Bergpredigt. Diese Variante stammt allerdings von Rabbi Hillel, der vermutlich ein Zeitgenosse Jesu war. Er gilt als einer der grossen jüdischen Lehrer seiner Zeit, und seine Botschaft ist von Menschenfreundlichkeit beseelt wie die von Jesus. Meister Hillel wusste um die Tücken der Nächstenliebe. Ein anderer Ausspruch von ihm geht mit drei schlichten Fragen darauf ein: «Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich? Wenn ich nur für mich selber bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann…