• Wenn die Kompassnadel flattert

    Ein Name und ein Begriff haben das diesjährige Weltwirtschaftsforum in Davos einschneidend geprägt: «Donald Trump» und «Krise». Genau besehen jagt seit der Finanzkrise 2008 ein Krisenszenario das nächste: Ukrainekrise, Klimakrise, Covidkrise, Gazakrise – und jetzt, verursacht durch die Aushebelung internationaler Verträge, Abkommen und Regelungen durch den machtbesessenen, immer autoritärer auftretenden amerikanischen Präsidenten, erleben wir eine epochale Krise der multilateralen Ordnungen. Die Welt steht kopf. Der Boden wankt. Eingewohnte Sicherheiten zerbröseln vor unseren Augen. Alle diese über uns herfallenden Auflösungserscheinungen lassen uns überfordert, verwirrt oder ohnmächtig zurück.  Die Reaktionen der Menschen auf diese neue Weltunordnung fallen unterschiedlich aus: Die einen schützen sich, indem sie sich den Nachrichten- und Informationskonsum nach der…

  • Kinder und Narren sagen die Wahrheit

    Ich erinnere mich noch genau an jenen Sonntag im Frühling 1968, als ich meinen Vater auf seinem Gang zur Predigt nach Trans im Bündnerischen Domleschg begleitet habe. Vom hochgelegenen Dorf aus eröffnet sich ein herrlicher Blick über das ganze Tal. Auf der gegenüberliegenden Talseite staute sich kurz nach der Eröffnung des San Bernardino Tunnels der Verkehr von Rothenbrunnen bis nach Thusis. Das beschäftigte mich. Denn kurz zuvor hatte sich ein Mann im Nachbardorf durch das Einatmen des Auspuffgases seines VW umgebracht. Und so fragte ich meinen Papa: Wenn sich ein Mensch durch das Abgasgift eines Autos töten kann, werden wir dann nicht alle eines Tages daran sterben, wenn Millionen von…

  • Künstliche Intelligenz – Segen und/oder Fluch?

    Kürzlich hat mich ein Freund nach meiner Einstellung zur Künstlichen Intelligenz (KI) gefragt. Ich antwortete unter Zuhilfenahme eines Textes aus Platons Dialog Phaidros. Darin wird der weise Sokrates nach seinem Urteil über die Schriftkultur befragt. Seine vor 2’500 Jahren vorgetragenen Bedenken sind eins zu eins übertragbar auf die derzeitige Debatte rund um Segen und Fluch der KI. Hier die Textpassage aus dem Phaidros: Sokrates: In Ägypten lebte der Gott Ammon. Er erfand die Arithmetik, die Logik, die Geometrie und Astronomie, das Brett- und Würfelspiel, vor allem aber die Schrift. Eines Tages nun kam der Gott zu Thamos, dem ägyptischen König, und pries ihm seine Erfindungen an. Der König fragte Thamos…

  • Vom Suchen und vom Finden

    Suchen sie noch, oder haben sie schon gefunden? Falls sie gefunden haben, ist es das, wonach sie immer gesucht haben? Wenn ja, hat ihnen der Fund auch das gebracht, was sie sich von ihm erhofft haben, z.B. ein Lottosechser, innerer Frieden, Erfüllung? Wenn nein, kann es sein, dass sie dort gesucht haben, wo es nicht zu finden ist? Ist es möglich, dass sie am Ende lieber suchen als finden, quasi suchen um des Suchens- und nicht etwa um des Findens willen; nach der Art des halbstarken Harley-Fahrers, den die Polizei wegen Rasens aus dem Verkehr gezogen und nach dem Ziel seiner Fahrt befragt hat. Seine Antwort: «Ich weiss nie, wo…

  • Seinsverbunden – Seinsvergessen

    Als Gott das Engadin schuf, meinte er nach getanem Werk: «Heute ist mir ein Streich gelungen!». Diesen Spruch wiederhole ich gebetsmühlenartig, wann immer ich einige Tage im Engadin weile. Ein ähnlich schwärmerisches Gefühl überkommt mich jeweils auch beim Besuch jenes Saales im St. Moritzer Segantini Museum, wo Giovanni Segantinis atemberaubendes Triptychon La natura, La Vita und La Morte zu bewundern ist. La Natura, mit den Massen 235 x 400 cm das größte der drei Gemälde, entstand auf dem Schafberg oberhalb Pontresinas. Es zeigt die Heimkehr eines Bauernpaars mit ihrem Vieh im letzten Tageslicht. Natur, Mensch und Tier bilden eine in stillen Frieden gehüllte Einheit. Das Bild betört durch seine unvergleichliche…