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Es gibt keine anderen
Vom ersten deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer ist die Aussage überliefert: „Nehmen Sie die Menschen so wie sie sind. Es gibt keine anderen.“ Das klingt banal, ist aber anspruchsvoll und vor allem sehr weise. Mir fällt auf, wie oft Menschen erwarten, dass andere, mit denen sie Schwierigkeiten haben, sich ändern. Sie wünschen oder fordern es von ihnen. Sie hoffen es lange und oft verzweifelt: Dass er oder sie sich irgendwann ändert und es endlich einfacher mit ihm oder ihr wird. Wir Menschen jedoch sind erstaunlich Änderungsresistent. Im jüngeren Erwachsenenalter ist der Charakter herausgebildet, und dann braucht es viel, dass sich unsere Verhaltensmuster oder Persönlichkeitsstruktur verändern. Wenn ich meine Mitmenschen also nehme…
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Tauziehen
Kennen Sie das: Ein Problem zieht sich durch ihr Leben. Immer wieder taucht es auf. Es kostet Sie unglaublich viel Energie. Es beeinträchtig Ihr Leben so stark, dass Sie manchmal gar keine Freude mehr empfinden. Das ist, als ob Sie mit einem Monster Tau ziehen, und Sie klammern sich an Ihrem Ende fest, rammen Ihre Füsse in den Boden, wenden Ihre ganz Kraft auf – und doch werden Sie Zentimeter um Zentimeter in die andere Richtung gezogen. In einer Weiterbildung, die ich besucht habe, nutzte der Dozent diese Metapher und fragte: Warum eigentlich lassen wir das Tau nicht einfach los? Mit einem Mal würde alles leicht, und wir könnten uns…
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Der 13. November
Heute vor 10 Jahren ermordeten Terroristen des Islamischen Staates in Paris 130 Menschen. 683 wurden verletzt. Unzählige verloren ihre Liebsten oder müssen für den Rest ihres Lebens mit schweren Traumata weiterleben. Nachdem zuvor bereits die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hébdo überfallen worden war, bewirkten die Anschläge im November eine breite Verunsicherung weit über die Grenzen Frankreichs hinaus. 2015 war auch die Zeit, in der in Syrien Bürgerkrieg tobte. In dem Land also, in dem der Islamische Staat ein Kalifat gegründet hatte. Das zwang unzählige Menschen zur Flucht. In dem Spital, in dem ich damals arbeitete, lernte ich eine geflüchtete Familie kennen. Ich traf die Leute auch am Sonntag nach den…
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Tellenbach
Ich bin in den 60er- und 70er-Jahren am Rande Berns aufgewachsen. Auf dem Schulhof erzählten wir uns Witze vom Dällebach Kari. Ich wusste, dass es sich um einen verstorbenen Berner Coiffeur handelte, der mit einer Hasenscharte zur Welt gekommen war. Deshalb sah er hässlich aus, und seine Stimme klang komisch. Darum war Dällebach Kari früher von allen verspottet worden. Um nicht Opfer zu bleiben, hatte der Mann die Strategie entwickelt, selbst Witze zu erzählen und anderen Streiche zu spielen. «Wenn sie schon über mich lachen, dann steuere ich, weshalb – und nicht sie“, lautete sein Lebensmotto. Allerdings schwang bei den Dällebach-Witzen, die wir uns erzählten, auch immer eine Tragik mit.…
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Von allen Göttern zu Allerheiligen
Das Pantheon in Rom ist durch seine immense Grösse und die klaren geometrischen Formen mit der riesigen Kuppel ein Meisterwerk der Antike. Es wurde im 2. Jahrhundert als römischer Tempel gebaut. In ihm wurden alle bekannten und unbekannten Gottheiten verehrt. Deshalb der Name: Pan («all», «gesamt») und Theos («Gott»). Im 7. Jahrhundert liess Papst Bonifatius IV. den Bau neu weihen und erklärte ihn zur Kirche der «Maria und aller Märtyrer», also zur Kirche aller Heiligen. Damit holte er auch das damals nur in Byzanz begangene Fest «Allerheiligen» in die Kirche des Westens. Das Fest also, das die katholische Christenheit kommenden Samstag, am 1. November, feiert. An die Stelle der römischen…