• Jeden Tag neu

    Am Anfang der Bibel findet sich eine Erzählung über die Erschaffung der Welt durch Gott in sieben Tagen. Schnell wird klar, dass sich dieser Text nicht als «Erklärung» versteht, wie die Welt entstanden ist, sondern als Glaubenstext. Seine Aussage ist, dass der Welt eine gute Ordnung zugrunde liegt. So wie es für die Menschen ein guter Rhythmus ist, sechs Tage aktiv zu sein und einen Tag der Ruhe, dem Feiern und Gott zu widmen, so ist der ganzen Welt ein Rhythmus von Aktivität und Ruhe eingeschrieben: Wachen und schlafen, wachsen, blühen und Frucht bringen, Tag und Nacht. So ist auch Gott selbst, sagt der Text: Sechs Tage Aktivität, ein Tag…

  • Évian

    Kommenden Montag vor 88 Jahren, am 6. Juli 1938, begann in Évian eine Konferenz. Nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland und dem Anschluss Österreichs hatte die Zahl geflüchteter jüdischer Menschen massiv zugenommen. 32 Staaten suchten nun Lösungen für das Problem. Das Resultat war verheerend: Einzig die Dominikanische Republik erklärte sich zur Aufnahme zusätzlicher Menschen bereit. Die Schweiz fand, sie müsse sich einer «Überschwemmung» durch jüdische Geflüchtete erwehren. Die Staatengemeinschaft hätte es in der Hand gehabt, zumindest einen grösseren Teil der Jüd:innen vor dem Tod zu retten. Sie tat nichts. Juni 2026: Der Migrations- und Asylpakt der Europäischen Union tritt in Kraft. Mit ihm werden die Asylverfahren an die Aussengrenzen Europas…

  • Alles auf einmal

    Ich treibe im Fluss. Ich liege im Wasser wie auf einer Matratze: Die Arme zur Seite ausgestreckt, das Gesicht dem Himmel zugewandt. Ich spüre die unsägliche Hitze von oben, aber der grösste Teil meines Körpers befindet sich in diesem kostbar kühlen Nass. Der klebrige Schweiss jetzt abgewaschen. Wellen schaukeln mich. Vom Wasser getragen gleite ich durch die Landschaft. Es ist wie Schweben, leicht und verspielt. Dazu höre ich unter mir das Knistern der Kieselsteine, die am Grund des Flusses durcheinanderpurzeln. Und ich sehe das warme Blau des Himmels, Grün von Bäumen und Sträuchern in vielen Schattierungen. All dies geschieht gleichzeitig. Eine Symphonie der Sinneseindrücke. Fast zu viel für mein müdes…

  • Gefährtin Einsamkeit

    «Nein, ich bin nie allein mit meiner Einsamkeit. Wenn sie sich in mein Bett schmiegt, nimmt sie den ganzen Platz ein. Und wir verbringen lange Nächte. Wir beide, ganz nah beieinander.» Das Chanson «Ma solitude» von Georges Moustaki, aus dem diese Zeilen stammen, ist eine Ode an die Einsamkeit. Moustaki spricht damit ein Gefühl an, das fast jeder Menschen kennt. Ein veritables Leiden kann Einsamkeit allerdings werden, wenn sie sich zur Grundstimmung entwickelt, die ständig präsent ist und das Erleben umfassend prägt. Natürlich sind es oft Menschen, die allein leben und sich nach Freundschaften oder einer Beziehung sehnen, die sich einsam fühlen. Und manchmal gibt es auch gar keine Erklärung,…

  • We are family

    Das Markusevangelium erzählt, wie die Mutter und Geschwister Jesu zu dem Haus kommen, in dem dieser zu einer Volksmenge spricht. Man meldet ihm den Besuch. Und dann lesen wir Folgendes: «Und er entgegnet ihnen: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Geschwister? Und er schaut, die im Kreis um ihn sitzen, einen nach dem andern an und spricht: Das hier ist meine Mutter, und das sind meine Brüder und Schwestern! Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.» (Mk 3, 33 – 35) «Familie» scheint uns ein festgefügter Begriff zu sein. Er umfasst die Menschen, die blutsverwandt sind, plus diejenigen, die sich durch…