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In zwei Zeiten leben
24.12., 1.1., 6.1. – das sind Daten, die man in unseren Breitengraden sofort mit besonderen Geschehnissen verbindet: Heiligabend, Neujahr, Dreikönigstag. Hinter der abstrakten Zahlenkombination stehen Bedeutungen und Erinnerungen. Oder es gibt Tage wie den 11.9.2001, die mit einem historischen Ereignis verbunden sind. Die weitaus meisten Daten jedoch haben für uns keine besondere Relevanz. Es sind Tage, an die wir uns nicht erinnern. Der japanische Künstler On Kawara hat diesen Sachverhalt zum Thema eines Langzeitprojekts gemacht. Von 1966 bis 2014 hat er jeden Tag ein formal beinahe identisches Bild gemalt: Es beinhaltete das Datum des Tages auf einem einfarbigen Hintergrund. Nichts anderes. In den frühen Jahren hat der Künstler zum Gemälde…
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Sternen trauen
Die Weihnachtstexte im Matthäusevangelium erzählen von drei Weisen aus dem Morgenland, die einen Stern sehen und sich von ihm nach Bethlehem führen lassen. Dort finden sie das neugeborene Jesuskind, den Sohn Gottes (Matthäusevangelium 2, 1 – 12). Zum heutigen Weihnachtstag eine Meditation zu dieser Erzählung: Von Weisen lernen: Den Blick in den Himmel werfen, ohne den Boden unter den Füssen zu verlieren. Den Einspruch der Vernunft dankbar entgegennehmen, aber Sternen trauen. Unbegangene Wege gehen. Sich von Träumen führen lassen. Die Manipulationsversuche von Einflussreichen freundlich umgehen. Sich in fremde Häuser wagen. Und in der entwaffnenden Wehrlosigkeit des Neugeborenen Gott erkennen. Abb: Die drei Weisen, Altarbild (Detail), Santa Maria de Mosoll, Spanien,…
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Geheim eingeflogener Schnee
Manchmal im Winter geschieht es, dass es in der Nacht schneit. Und wenn man sich nicht gerade in einer Stadt aufhält, sondern z.B. in den Bergen, kann es sein, dass man am Morgen aufsteht, und alles ist weiss. Gestern noch waren die Bäume kahl und grau, der Himmel düster. Jetzt ist die Landschaft mit einer hellen Decke überzogen und aus einem blauen Himmel strahlt die Sonne. Und alles ist unberührt. Noch niemand ist durch den Schnee gestapft. Es ist, als ob das Land verzaubert worden wäre. Die Schweizer Autorin Erika Burkart lässt solche Momente im Gedicht „Winterweh“ lebendig werden: Eden war weiss, / kam in der Nacht / der Himmel…
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Frontseitentauglich
Die Figuren unserer diesjährigen Weihnachtskrippe sind aus Zeitungspapier gefaltet. Im Wesentlichen handelt es sich um Seiten aus der Boulevardpresse. Um News also, die auf die Emotionen der Lesenden abzielen. Sie sind auf Sensationen aus. So kann man sagen, dass Maria, Josef und das Christuskind hier aus lauter Schlagzeilen bestehen. Das ist bemerkenswert, denn die vier biblischen Berichte über das Wirken Jesu werden als Evangelien bezeichnet, was nichts anderes bedeutet als „Gute Nachricht“ (griechisch „Euangelion“). Tatsächlich also News! Denn – so verkünden es diese Texte – durch Jesus sei das Reich Gottes angebrochen, der ersehnte Zustand des Friedens und der Gerechtigkeit. Aber… wie zeigt sich das konkret? Das erwartete Friedensreich hat…
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Im selben Boot sitzen
Die bretonische Insel Île-de-Sein liegt extrem exponiert knappe 10 km vor Frankreichs westlichstem Zipfel im Atlantik. Hier ist die See oft rau. Sturmfluten sind häufig. Die Bewohner:innen leben seit jeher vom Fischfang, neuerdings auch vom Tourismus. Sie leben vom und mit dem Meer. In der kleinen Kirche findet sich das hier abgebildete Fenster. Männer in einem Boot, die für die Region typische Mützen tragen. Grosse Hände, die zupacken können. Kantige, ernste Gesichter. Niemand spricht. Man ahnt: Das sind Leute von der Insel. Ganz hinten, mit Heiligenschein, ein weiterer Mann. Auch er im selben roten Gewand, mit ähnlichem Gesichtsausdruck, ernst und schweigend. Aber er hat seine Hand zu einer Segensgeste geformt.…