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Der 13. November
Heute vor 10 Jahren ermordeten Terroristen des Islamischen Staates in Paris 130 Menschen. 683 wurden verletzt. Unzählige verloren ihre Liebsten oder müssen für den Rest ihres Lebens mit schweren Traumata weiterleben. Nachdem zuvor bereits die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hébdo überfallen worden war, bewirkten die Anschläge im November eine breite Verunsicherung weit über die Grenzen Frankreichs hinaus. 2015 war auch die Zeit, in der in Syrien Bürgerkrieg tobte. In dem Land also, in dem der Islamische Staat ein Kalifat gegründet hatte. Das zwang unzählige Menschen zur Flucht. In dem Spital, in dem ich damals arbeitete, lernte ich eine geflüchtete Familie kennen. Ich traf die Leute auch am Sonntag nach den…
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Tellenbach
Ich bin in den 60er- und 70er-Jahren am Rande Berns aufgewachsen. Auf dem Schulhof erzählten wir uns Witze vom Dällebach Kari. Ich wusste, dass es sich um einen verstorbenen Berner Coiffeur handelte, der mit einer Hasenscharte zur Welt gekommen war. Deshalb sah er hässlich aus, und seine Stimme klang komisch. Darum war Dällebach Kari früher von allen verspottet worden. Um nicht Opfer zu bleiben, hatte der Mann die Strategie entwickelt, selbst Witze zu erzählen und anderen Streiche zu spielen. «Wenn sie schon über mich lachen, dann steuere ich, weshalb – und nicht sie“, lautete sein Lebensmotto. Allerdings schwang bei den Dällebach-Witzen, die wir uns erzählten, auch immer eine Tragik mit.…
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Von allen Göttern zu Allerheiligen
Das Pantheon in Rom ist durch seine immense Grösse und die klaren geometrischen Formen mit der riesigen Kuppel ein Meisterwerk der Antike. Es wurde im 2. Jahrhundert als römischer Tempel gebaut. In ihm wurden alle bekannten und unbekannten Gottheiten verehrt. Deshalb der Name: Pan («all», «gesamt») und Theos («Gott»). Im 7. Jahrhundert liess Papst Bonifatius IV. den Bau neu weihen und erklärte ihn zur Kirche der «Maria und aller Märtyrer», also zur Kirche aller Heiligen. Damit holte er auch das damals nur in Byzanz begangene Fest «Allerheiligen» in die Kirche des Westens. Das Fest also, das die katholische Christenheit kommenden Samstag, am 1. November, feiert. An die Stelle der römischen…
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Liberté, Égalité, Fraternité
Dieses Jahr war ich zweimal in Frankreich. An den Fassaden öffentlicher Gebäude wie Gemeindeverwaltungen oder Ministerien liest man den im Titel wiedergegebenen Wahlspruch der Republik. Zu Deutsch: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Bzw. heute passender: Geschwisterlichkeit oder Solidarität. Ich kenne dieses Motto seit meiner Schulzeit. Es ist also eigentlich nichts Besonderes. Dennoch ist es mir nun seltsam eindringlich ins Auge gesprungen. Die Schriften wirkten plötzlich wie an die Wände gesprayte Protestparolen. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass diese Worte eine völlig neue Relevanz erhalten haben. Galten sie in liberalen Demokratien seit der Zeit der Französischen Revolution als Selbstverständlichkeit, so erleben wir jetzt, wie die Werte, die sie benennen, vor unseren…
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Das fallende Kreuz
In einem Aussenbezirk von Graz steht die Kirche Maria Verkündigung. Sie wurde 1974 von den Architekten Wolfgang Kapfhammer und Johannes Wegan gebaut. Die Inneneinrichtung stammt vom Künstler Gerhard Lojen. Von Anfang an war die Idee, eine Kirche zu schaffen, die auf Herrschaftssymbole verzichtet und alltäglich wirkt. Dies zeigt sich vor allem auch am Kirchturm, der 2003 dazugekommen ist. Es fällt sofort auf, dass das Turmkreuz stark geneigt ist. Man erhält den Eindruck, es könne jeden Moment vornüberfallen. Die Pfarrei versteht dies als Zeichen für den Schöpfer, der sich in Jesus der Welt zuwendet. Man kann das allerdings auch noch anders deuten: Fast prophetisch weist dieses Kreuz 2003 auf ein Jahrhundert…