Bahnhofsspatzen
Man nennt sie die Bahnhofsspatzen. Spatzen, deren Revier der Hauptbahnhof Zürich ist. Sie leben zwischen den Gleisen, in den Dachkonstruktionen und Winkeln, fliegen munter zwischen den wartenden und weitereilenden Menschen umher und picken die Brosamen der Bagels und Focaccias auf.
Ich habe erlebt, wie sich eine ganze Schar Bahnhofsspatzen vor der Bahnhofkirche versammelt und so laut gezwitschert hat, dass ich verwundert nach draussen ging um zu schauen, was da los war.
Spatzen gehören zu den kleinsten und unauffälligsten Vögeln. Und doch heisst es in der Bibel, dass «nicht einer von ihnen vor Gott vergessen» (Lk 12,6) ist. Nicht weil sie etwas leisten. Nicht weil sie fromm wären. Sondern weil sie sind. Die Bahnhofspatzen loben Gott nicht mit Worten. Sie loben ihn, indem sie ihrer Natur entsprechen, durch ihr Dasein und Wirken.
Wir Menschen stehen anders vor Gott. Nicht weil wir wertvoller wären, sondern weil uns Freiheit anvertraut ist. Wir können antworten. Wir können Ja sagen oder uns entziehen. Dieses Ja ist kein blinder Gehorsam und kein moralisches Mehrleisten, sondern der Eintritt in eine Beziehung. Diese Beziehung besteht aus Angesprochensein und Antwort, aus Vertrauen, Hingabe und wachsender Verbundenheit. Gott loben wir dann nicht vor allem durch Worte, sondern indem wir unser eigenes Menschsein bejahen und es vor Gott leben. Indem wir werden, wozu wir gedacht sind: leibhaftig, begrenzt, frei, liebesfähig.
So wird das gelebte Leben selbst zum Lob Gottes – nicht trotz unserer Unvollkommenheit, sondern mitten in ihr, wenn wir unser Menschsein als Antwort schenken.
