Bleibende Zumutung
«Halleluja, Jesus lebt!» Die Christenheit begeht den Osterfesttag mit viel Aufwand, mit Orchestermessen und Chorgesang, mit Glockengeläute und Lichtritualen, mit eingängigen Gesängen, die den Sieg Christi über den Tod bejubeln. Es sind wertvolle Traditionen, die das Gemüt erheben, das Vertrauen in Gott stärken und die Gemeinschaft zusammenbringt. Das Triumphhafte dieses Hochfestes und die Prachtentfaltung der Kirchen im Laufe der Jahrhunderte mit ihren Gebäuden, Gewändern und Kunstwerken, können allerdings in den Hintergrund rücken lassen, dass der christliche Glaube im Kern eine provokative Zumutung beinhaltet.
Eine Kritzelei aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert, nicht viel grösser als ein A4-Blatt, macht diese Zumutung augenfällig. Das sogenannte Alexamenos Graffito aus dem antiken Rom zeigt das Spottbild eines Gekreuzigten mit Eselskopf, links davor ein Mann in verehrender Pose und daneben die Beschriftung «Alexamenos betet Gott an». In die Wand einer Schule geritzt, wollte damit offenbar jemand einen christlichen Mitstudenten verhöhnen. Es ist die frühste bekannte Kreuzesdarstellung und zugleich ein Ausdruck des Unverständnisses, worum es im christlichen Glauben geht.
Ein schmachvoll am Kreuz Gestorbener soll Gottes Sohn und vom Tod auferstanden sein? Jemand der sich mit Abgeschriebenen und Randständigen abgegeben hat, soll der wahre göttliche König sein? Ein Verlierertyp in den Augen einer Welt, in der vor allem Erfolg, Reichtum und Macht zählen – eine lächerliche Geschichte. Es wundert nicht, dass Christen selbst der Versuchung verfielen, diese Zumutung herunterzuspielen oder sie aus dem Weg zu räumen, mit Marmor und Gold, mit Machtstreben und Kreuzzügen. Doch wer das Christentum zu einer Siegerideologie umwandeln will, verleugnet es. Das römische Imperium ist längst untergegangen, der Geist Christi lebt bis heute in den Menschen und Gemeinschaften, welche die göttliche Würde jeder Person hochhalten. «Halleluja, Jesus lebt!» Selig, die ihn besonders in den Leidenden und in den Unterprivilegierten wiedererkennen.
