Böses überwinden II
«Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!» (Röm 12,21) Diese Aufforderung des Apostels Paulus klingt gut, was aber bedeutet sie in einer Welt, wo Menschen tagtäglich Ungerechtigkeit und Grausamkeit erleiden? Ist es nicht manchmal notwendig sich zu wehren, anstatt stets die andere Wange hinzuhalten, damit nicht Willkür und die Dominanz des Stärkeren das zivilisierte Miteinander aushöhlen und kaputtmachen?
Es ist ganz natürlich, dass wir uns wehren, wenn unsere Grenzen überschritten werden. Das Gespür für eigene Grenzen und der Mut, in aller Deutlichkeit Nein oder Stopp zu sagen, sollte Kindern schon in jungen Jahren beigebracht werden. Ebenso wie der Respekt vor den Grenzen anderer: Wo dieser fehlt, wo immer wieder massive Übergriffe passieren, wird die Anwendung von Gegengewalt manchmal ein unvermeidlicher Schritt sein. Für Personen und Völker, die für das Gute und für den Frieden einstehen, ist dies ein bleibendes Dilemma.

Doch sie können etwas tun, um sich nicht vom Bösen besiegen zu lassen: zuallererst anzuerkennen, dass jeder Mensch, jede Volksgruppe, jedes Volk berechtigte Bedürfnisse und Interessen besitzt. Wo Interessen aufeinanderprallen und Konflikte entstehen, werden sie die Gegner nicht als böse abstempeln oder verteufeln. Sie werden das Gespräch auf Augenhöhe suchen, um miteinander gerechte Lösungen zu finden.
Das Recht zu existieren, genug zum Leben zu haben, sicher und frei von Bedrohung zu leben, mit Würde und Respekt behandelt zu werden: Alle Menschen teilen diese Grundbedürfnisse, unabhängig davon, ob sie als Opfer oder als Täter gelten. Wo himmelschreiendes Unrecht geschieht, muss eingegriffen werden. Heilung wird allerdings dort geschehen, wo das Verstehen an die Stelle des Verurteilens tritt. Wo der Drang zur Vergeltung überwunden wird, öffnet sich der Weg zur Versöhnung, auf dem das Böse durch das Gute besiegt wird. (jr)