Bus und Beten

Anfangs Juli hat ein Chauffeur der Verkehrsbetriebe Zürich Oberland an der Endstation des von ihm gefahrenen Busses vor seinem Gefährt ein Gebet verrichtet. Er tat dies während eines ordentlichen Unterbruches seiner Arbeit; der Bus war auf Standzeit. Niemand musste warten. Kein Mensch kam zu spät an sein Ziel. Trotzdem fotografierte jemand die Szene und spielte sie der «Weltwoche» zu.

Und dann ging es los: Weltwoche-Autor Christoph Mörgeli zeigte sich «erstaunt, wenn nicht befremdet». Der «Blick», der «Tagesanzeiger» und weitere Medien berichteten darüber. Leser:innenkommentare beurteilten das Gesehene, und dies in der Mehrzahl negativ.

Was ist das Problem? Es war keine Demon-stration für oder gegen etwas. Keine Forderungen wurden erhoben. Niemand wurde missioniert. Ein einzelner Mensch betete. Er tat etwas Privates, das ihm offenbar wichtig ist. Der Mann nahm sein Recht auf Religionsfreiheit wahr.

Das Problem ist, dass es sich bei dem Fahrer um einen Menschen muslimischen Glaubens handelte, der für das Gebet seinen Teppich nach Mekka ausrichtete. Wäre er Christ und hätte neben dem Bus in der Bibel gelesen – wäre er dann auch fotografiert worden? Wäre die «Weltwoche» dann auch irritiert gewesen? Mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht.

So geht es hier wohl weniger um den Akt des öffentlichen Betens, sondern um dessen Instrumentalisierung für politische Zwecke.
Der Titel des Artikels macht das deutlich:
«VZO-Buschauffeur auf Gebetsteppich in Stäfa: Der Islam erobert am Zürichsee den öffentlichen Raum».

Von einer Eroberung kann allerdings überhaupt keine Rede sein. Vielmehr geht es um die Freiheit, seinen Glauben ausüben zu dürfen, die selbstverständlich auch für Muslim:innen gilt.

Erstaunen und befremden muss uns nicht der Buschauffeur, sondern die Reaktion der «Weltwoche» und eines Teils der Öffentlichkeit. (mb)

Abb: Busfahrer auf der University Avenue, Minnesota, USA. Foto: Susan Lesch, 2008. Wikimedia Commons