• Ubi Caritas

    «Ubi caritas et amor, Deus ibi est» – «Wo die Güte und die Liebe sind, da ist Gott». Wer zumindest hin und wieder einen Gottesdienst besucht, dem und der werden auch die lateinischen Worte geläufig sein, und vermutlich kommt auch gleich die Melodie dazu in den Sinn. In dieser Form ist es das wohl bekannteste der mehrstimmigen Lieder aus der 1942 gegründeten ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, welche jährlich von Tausenden von Jugendlichen besucht wird. Der Text ist bedeutend älter und bereits in einer Handschrift des Klosters St. Gallen aus dem 8. Jahrhundert zu finden. Traditionsgemäss wurde er in der Liturgie von Gründonnerstag zur rituellen Fusswaschung gesungen. «Wo die Güte und…

  • Geschenk des Atmens

    Den Atem hat der Mensch mit einer Grosszahl von Lebewesen gemeinsam. Unsere Zellen brauchen den Sauerstoff aus der Luft für die lebenserhaltenden biochemischen Vorgänge. Ohne zu atmen können wir es höchstens ein paar Minuten aushalten, bevor wir das Bewusstsein verlieren. Die meiste Zeit schenken wir unserem Atem keine besondere Aufmerksamkeit und das brauchen wir auch nicht, da das menschliche Nervensystem diese Funktion im Normalfall ganz ohne unser Zutun regelt. Es gibt Situationen, da uns der Atem stockt, etwa wenn wir uns in grossem Stress befinden, in Angst oder in einem Schockzustand. Es kommt auch vor, dass wir das Atmen für eine Weile schlicht vergessen – sei es, dass etwas Unerwartetes…

  • Ohne Schuhe

    Gerade bin ich von einer Reise durch Laos zurückgekehrt. Ich hatte die Gelegenheit, unzählige buddhistische Tempel zu besuchen. Ähnlich wie bei einer Moschee musste man vor diesen Gebäuden die Schuhe ausziehen. Man betritt den Raum barfuss oder in Socken. Anfangs fand ich das andauernde Ausziehen und wieder Anziehen bemühend. Mit der Zeit jedoch lernte ich es als eine Art Ritual schätzen. Es bereitete mich auf den Raum vor. Es zeigte mir an, dass ich nicht irgendetwas betrete, sondern einen Raum anderer Qualität, einen Raum, in dem es den Nutzenden um den Kern der Existenz geht, um das, was im Letzten nicht fassbar ist, von Menschen aller Religionen und Traditionen aber…

  • Maria liest

    Das Bild zum heutigen Weg-Wort entstammt einem Stundenbuch aus der Zeit um 1480. Es stellt Maria und Josef mit dem Jesuskind dar. Sie befinden sich auf der Flucht nach Ägypten. Stundenbücher wurden im späteren Mittelalter hauptsächlich für wohlhabende Menschen aus dem Adel geschaffen. Sie dienten der privaten Andacht. Zu bestimmten Stunden am Tag wurden Gebete und Andachtstexte gelesen. Zudem gab es kunstvoll gestaltete Bilder wie das unsrige, die zur kontemplativen Betrachtung einluden. Oft waren es Frauen, die diese Bücher nutzten. Ihrer gehobenen Stellung entsprechend konnten sie lesen und verfügten über Bildung. Nicht selten gibt es in den Stundenbüchern deshalb Darstellungen, die auch die Gottesmutter Maria lesend zeigen. Wenn Adelige lesen…

  • Fels im Sturm

    Die weltpolitischen Ereignisse überschlagen sich diese Tage. Viele Menschen sind besorgt, einige auch erfreut. Nicht wenige schauen den Geschehnissen im Iran, in Israel oder auch in der Ukraine mit einer Mischung aus Verwunderung und Neugierde zu – wenigstens läuft einmal etwas. Mit dem Zuschauen und Mitverfolgen von Newstickern und Schlagzeilen verbindet sich aber auch ein nervöses Grundgefühl. Viele Menschen schlafen derzeit schlecht. Auch in diesen Tagen gibt es aber auch andere Orte. In der Bahnhofkirche und in vielen Kirchengebäuden, aber auch an Orten in der Natur oder in ruhigen Zimmern unserer Wohnungen finden wir einen Gegenpol. In der stillen Umgebung wird unser inneres nicht automatisch ruhig. Manchmal fällt uns erst…