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  • Gebirgsdruck

    Beim Bau der zweiten Gotthardröhre zeigt sich derzeit eine enorme Herausforderung: Der Gebirgsdruck ist stellenweise so stark, dass sich ausgebrochene Tunnelabschnitte sofort wieder verformen. Was eben noch freigelegt wurde, wird unmittelbar wieder zusammengedrückt. Die Tunnelbohrmaschine «Paulina» kam deshalb zeitweise kaum vorwärts. Das hat viel mit menschlichen Lebenssituationen zu tun. Es gibt Phasen, in denen man sich mühsam einen kleinen freien Raum erarbeitet. Ein Gespräch. Eine Entscheidung. Eine Grenze. Ein neuer Anfang. Man gewinnt kurz Luft – und plötzlich drückt das Leben schon wieder nach. Erwartungen, Konflikte, Angst, Verantwortung oder alte Muster verformen innerlich sofort wieder das, was man gerade erst freigelegt hat. Viele Menschen denken dann, sie seien zu schwach…

  • Vergessen oder verloren

    Eine olivgrüne Jacke hängt am Stamm eines Baumes im nahegelegenen Wäldchen. Offenbar hat sie jemand dort vergessen oder verloren. Eine andere Person hat sie gesehen und an einen Zweig dieses Baumes geknüpft, wohl in der Hoffnung, dass der Besitzer oder die Besitzerin erneut vorbeikommt und die Jacke so besser wiederentdeckt. Allem Anschein nach hängt sie schon eine ganze Weile dort; zwischen ihr und dem Zweig hat eine Spinne bereits ein feines Netz gewoben. Dass ich eine Sache irgendwo liegenlasse, kommt mir hin und wieder vor; ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele Regenschirme mir auf diese Weise schon abhandengekommen sind. Auch mehrere schöne Jacketts habe ich schon im Zug…

  • Da gibt es (k)einen Gott!

    Ein Kosmonaut schwebt im All und winkt uns freundlich zu. Weit unter ihm werden die Kirchen klein wie Spielzeug. «BOGA NET!» – «Da gibt es keinen Gott!», ruft das sowjetische Plakat von 1960 uns zu. Die Idee war einfach: Wir sind in den Himmel geflogen, haben aber niemanden getroffen. Gott ist nicht einmal im Himmel. Der Himmel ist leer. Das Plakat stupst uns an, gerade jetzt in den Sommerferien: Wohin reisen wir, wenn wir zur Ruhe kommen und Gott spüren wollen? Müssen wir dafür immer weiter weg und immer höher hinauf? Sicher nicht ins Weltall. Dort funkeln zwar wunderschöne Sterne, aber Gott läuft uns dort oben nicht über den Weg.…

  • Die Magie vom Reden und Zuhören

    In Luzern stehen grüne Parkbänke am Quai, im Alten Friedhof, beim Konservatorium und an vielen weiteren Orten. Auf einzelnen steht in grosser Schrift «Plauderbänkli» geschrieben und klein daneben: «Lust zu plaudern? Hier hat’s noch Platz!» Ob diese Bänke tatsächlich dazu genutzt werden, dass nicht bekannte Personen miteinander ins Gespräch kommen, wage ich zu bezweifeln. Häufig sind die Hemmungen doch zu gross, um fremde Menschen ohne einen triftigen Grund anzusprechen. Dabei wäre es solch eine wertvolle und wohltuende Sache. Am Sonntag habe ich in der Radiosendung «Musik für einen Gast» von der Journalistin und Rätselautorin Trudy Müller-Bosshard etwas darüber gehört. Sie sagte: «Ich habe mir vorgenommen, dass ich jeden Tag mit…

  • Waldgrenze

    Es ist Sommerferienzeit und viele von uns zieht es in die Berge. Hoch oben, da wo der Wald aufhört und die hochalpine Welt beginnt, wird es irgendwie stiller. Die Bäume werden kleiner und robuster. Die Schatten lichter. Der Wind bekommt mehr Raum. Hier oben kann die Welt an blauen, heissen Tagen wohltuend abkühlen. Unterhalb der Waldgrenze ist vieles: Wurzeln, Moos, Wege, Geräusche, Wärme. Darüber beginnt das Offene. Das Ausgesetzte. Das Kühle. Und man sieht weiter. Die Seele braucht manchmal genau so einen Ort: eine Grenze, an der nicht mehr alles wächst, nicht mehr alles grünt, nicht mehr alles so verdichtet ist. Einen Übergang, wo das Leben spärlicher wird und gerade…