• Nur eine Frage

    Im Konfirmandenunterricht stehen wir um den Flügel und singen gemeinsam das Lied «One of us». Es ist ein Lied voller Fragen. Im Refrain heisst es zum Beispiel: «What if God was one of us?» (Was wäre, wenn Gott einer von uns wäre?). Und in der ersten Strophe: «What would you ask if you had just one question?» (Was würdest du Gott fragen, wenn du ihm genau eine Frage stellen dürftest?). Alle Jugendlichen sollen die Frage aufschreiben, die sie Gott am liebsten stellen würden. Zuerst unterhalten sich die Jugendlichen noch ein bisschen. In der anfänglichen Verlegenheit fallen Sätze wie «Hey Bro, was lauft?» oder «Hey, wie gaht’s?» Doch dann wird es…

  • Segen für alle

    Am Dienstag besuchte ich eine bemerkenswerte kirchliche Feier. In der katholischen Mutterkirche von Zürich kamen Menschen unterschiedlichster Ausrichtung zusammen, um das Leben und die Liebe zu feiern, Gott dafür zu danken und sich Segen zusprechen zu lassen, alleine oder als Paar. Menschen von heute sind aufmerksamer geworden auf das, was sich in ihrem Inneren zeigt, und manche merken, dass die herkömmlichen Rollen und Geschlechtervorstellungen für sie nicht mehr zutreffen. Immer mehr finden den Mut, das nach aussen zu zeigen und zu leben, sei es persönlich, sei es in ihren Beziehungen. Vor der Feier erhielt jede teilnehmende Person einen Stein und eine kleine farbige Karte. Damit hatte es Platz für das…

  • Nicht alleine allein

    Auf einer Wanderung komme ich zu einer kleinen Kirche. Die Infotafel lässt mich wissen, dass der Bau um das Jahr 1000 errichtet wurde. Ich bin allein und setze mich in eine der Bankreihen. Es ist absolut still. Nur von aussen dringt Vogelgezwitscher herein. Von weit her das Brummen eines Rasenmähers. Die Stille sickert in mich ein. Ich werde ganz ruhig. Einwilligung in den Moment, heiteres Dasein. Ich spüre keinen Druck, jetzt weiterzugehen. Es ist gerade gut so, wie es ist. Mein Blick schweift umher: Weiss getünchte Mauern, schlicht und fest. Klare, einfache Formen. Jetzt denke ich daran, wie viele Menschen hier schon gesessen sind wie ich, im Gottesdienst oder im…

  • Musikmonat Mai

    Wer im Mai hinhört, hört die Natur singen. Bis in die Nacht hinein klingt es vor unserem Fenster: Quakende Frösche und ein Waldkauz, der sein Hu hu ruft, zirpende Grillen und – ich weiss es aus Erfahrung – bald auch bellende Jungfüchse und Rufe der jungen Eulen. Martin Luther hat sich getraut zum Ausdruck zu bringen, wie es ihm im Mai ums Herz war: Es ist einem zum Singen, zum Mitsingen, zum Einstimmen. Bei Luther ist der freudige Gesang ein Lob für den Schöpfer, der die singende Natur und die Musik, mit der man ihn loben kann, geschaffen hat.  Die beste Zeit im Jahr ist Mai‘n,da singen alle Vögelein,Himmel und…

  • Wut

    Du Manchmal bin ich wütend über mich, weil ich wütend bin.Ich möchte ein ausgeglichener, beherrschter Mensch sein,den nichts aus dem Geleise wirft.Du aber nimmst mich mit all meinen Seiten ernst.Du hast mich als lebendigen Menschen geschaffen,der traurig und zornig sein kann und sein darf. Manchmal bin ich nicht wütend, wo ich es sein sollte.Ich lasse Not und Elend der Welt an mir vorüberrauschenwie ein Fernsehprogramm.Ich bin abgestumpft und gleichgültig.Du aber bist bei den Benachteiligten und Gefolterten,bei den Opfern des Rechts und der Gewalt,du bist dort, wo die Kreuze stehen. Gib meinem Zorn die richtige Richtung,damit er nicht ausdörrt, sondern befruchtet,damit er nicht zerstört, sondern aufbaut,damit er nicht erstarrt, sondern weiterführt.Nimm…