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What if…?
Wenn ich am Morgen von Zuhause zur Bahnhofkirche laufe, nehme ich jedes Mal einen etwas anderen Weg durch die wunderschöne Altstadt von Zürich. Heute führte er mich an einem ehemaligen Traditionsmodehaus vorbei. Die Schaufenster waren von innen mit einer Folie beklebt. Kein Einblick, kein Angebot. Nur zwei Worte in schwarzen Lettern: What if…? Was wäre, wenn…? Diese zwei Worte haben etwas Unruhiges. Sie öffnen auch nichts Konkretes. What if…? ist kein Befehl, keine Aufforderung zur Optimierung. Es ist eine Unterbrechung. Ein kleiner Riss im Gewohnten. Was wäre, wenn wir Menschen wieder mehr auf Gott hören würden? Was wäre, wenn politische Entscheidungen nicht zuerst von Angst, Interessen oder Lautstärke geprägt wären,…
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Du bleibst, was du bist!
Seit letztem Jahr mäandert vor meinem Haus ein vor 80 Jahren kanalisierter Bach wieder frei und lebendig durch die Landschaft. Nach der «Künstlifizierung» nun die Renaturierung. Unglaublich, wie schnell sich die Tier- und Pflanzenwelt den ihnen vom Menschen gestohlenen Lebensraum wieder zurückerobert. Es scheint, es gäbe es in uns Menschen einen Hang, gar einen Zwang, in das von der Natur so genial Geschaffene verändernd einzugreifen und nach dem Geschmack der Zeit umzumodeln und zu verbessern. Dieser Zwang zur Selbstoptimierung begegnet einem heute Schritt für Schritt. Und er wird befeuert von einer Gesellschaft, die getrieben ist von der gnadenlosen Logik des immer mehr, immer grösser, immer besser, immer schöner. Da ist…
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Von Zeiten und Gegensätzen
Als Februar-Lektüre wähle ich die Schrift des namenlosen Predigers im Alten Testament. Der Prediger schreibt: Für alles gibt es eine Stunde, und Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel: Zeit zum Geborenwerden und Zeit zum Sterben, Zeit zum Pflanzen und Zeit zum Ausreissen des Gepflanzten, Zeit zum Einreissen und Zeit zum Aufbauen, Zeit zum Weinen und Zeit zum Lachen … (Prediger 3, aus 1-4) Der Prediger zeigt: Jedes Leben ist voller Gegensätze. Doch all diese Gegensätze machen das Leben nicht widersprüchlich. Im Leben hat alles Platz. Nichts schliesst sich aus. Für alle Gegensätze gibt es im Leben eine Zeit. Vielleicht wird Ihnen manchmal bewusst: Sie werden im Leben…
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Lohnender Verzicht
Im Weg-Wort vom vergangenen Freitag schrieb ich über die «Welt-Tage ohne Handy & Smartphone». Der französische Schriftsteller Phil Marso hatte sie vorgeschlagen und auf das Datum vom 6. bis 8. Februar festgelegt. Die Aufforderung nahm ich mir zu Herzen, versuchte, das Mobiltelefon am Wochenende nicht zu verwenden, und machte meine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen mit diesem Vorsatz. Meine erste Feststellung war, wie schnell der Griff zum Handy passiert, wenn ich nicht gerade beschäftigt bin. Als der Drang beim Zugfahren auftauchte, konnte ich ihm widerstehen, nahm unmittelbar Langeweile wahr und begann, meine Umgebung genauer zu beobachteten. Dann fiel mir das dünne Buch in meinem Rucksack ein, das ich schon lange lesen…
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Dreh’s um!
Wer in der Psychiatrie-, Bahnhof- oder Gefängnisseelsorge engagiert ist, weiss um jene wiederkehrenden Gespräche, die sich um Sinn- und Sinnlosigkeit des Lebens drehen. Die Gründe, das Leben als sinnlos, als Zumutung und Affront zu erleben sind vielfältig. Die folgenden Sätze sprechen es ungeschminkt aus: «Was soll der ganze Scheiss». «Ich hab eh alles verkackt». «Ich sehe keine Zukunft mehr für mich». «Wer will denn schon einen psychischen Krüppel wie mich». «Ich bin nur Dreck am Strassenrand». «Auf mich wartet nichts und niemand mehr, ausser der Tod». Was sagen, was entgegnen auf solche Sätze bar jeder Illusion, ohne in die Schatulle abgegriffener pfäffischer Trostworte zu greifen, ohne mit der Bibel auf…