Chancen zur Umkehr
Die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika gibt dem Präsidenten ein weitgehendes Recht, Begnadigungen auszusprechen. Bis jetzt hat kein Amtsinhaber dieses Recht so dreist ausgenutzt wie der aktuelle. Er begünstigt reiche Verurteilte, die ihn dafür bezahlen, die ihm Gefallen erweisen oder ihm schmeicheln. Besonders stossend ist, dass nicht nur Gefängnisstrafen und Geldbussen erlassen werden, sondern auch Wiedergutmachungen, auf welche geschädigte Menschen ein Recht haben. Die ehemalige Bundesanwältin für Begnadigungen Liz Oyer weist auf die Missbräuche hin und dokumentiert sie.

In den meisten Religionen besitzt die Praxis der Vergebung einen herausragenden Stellenwert. Das genannte Beispiel beleuchtet auf extreme Weise die herausfordernde Spannung, die zwischen Vergebung und Gerechtigkeit herrscht. Der Apostel Petrus sucht nach Orientierung und fragt seinen Meister: «Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?» Die Antwort Jesu fällt deutlich aus: «Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.» (Mt 18,21f)
Jemandem, der ständig Schaden zufügt, 490-mal zu verzeihen, erscheint ebenso überfordernd, wie jedes Mal die andere Wange hinzuhalten. Mit solch einer Einstellung wird man – wie es scheint – ein leichtes Opfer von Menschen mit unlauteren Absichten. Jesus fordert allerdings nicht dazu auf, sich ständig übervorteilen zu lassen. Denn er weist auch darauf hin, dass Fehlverhalten beim Namen genannt werden soll, zuerst unter vier Augen und nötigenfalls unter Einbezug von Zeugen (Mt 18,15ff). Das Streben nach Gerechtigkeit ist ein unabdingbarer Grundpfeiler jeder Gemeinschaft. Sie bleibt allerdings nur dann menschlich, wenn sie Chancen zur Einsicht und Umkehr anbietet und Wege zur Versöhnung offenhält. Solche Chancen und Wege haben wir alle immer wieder nötig.