Das Eigentliche ist unsichtbar

Am 29. Juni vor 125 Jahren wurde in Lyon jener Schriftsteller und Pilot geboren, den heute jedes Kind beim Namen kennt: Antoine de Saint-Exupéry, der Schöpfer der Jung wie Alt berührenden, in über 600 Sprachen und Dialekte übersetzen Kultgeschichte des «Petit Prince», des kleinen Prinzen mit dem grossen Herz. Sätze wie «Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar» sind für unzählige Menschen zu Lebensbegleitern geworden.

Doch wer in St. Exupéry allein den lieblichen und verzückenden Poeten erkennt, irrt gründlich. Seine Zeit- und Gesellschaftskritik, seine Analyse der zunehmenden Verrohung, Verflachung und Verblödung der Menschheit und auch seine Sympathie für den Pazifismus reden eine ganz andere Sprache. Die USA, die ihm zunächst Fluchtpunkt und Hort wurde, entlarvte sich seinem Blick schon bald als ein Land, dessen Menschen alles und jedes durch den Dollarschein hindurch bemessen und bewerten. Ein Volk, das berauscht von Konsum, von Haben und Schein, das Sein, das wirkliche Leben aus den Augen verloren hat. Aus dieser Anschauung erhob sich für St. Exupéry eine seiner Hauptfragen: Wie kann man dem heutigen Menschen einen geistigen Sinn wieder geben, ihn befreien aus Zwang und Anpassung? Wie lernt man ihn das Einfache, das Unaufgeregte und vor allem das Kindliche als das wirklich Kostbare neu zu entdecken? Was gilt es zu tun, damit der zur Kopie verkommene Mensch zurückfindet zu seinem Original, zum Ursprung und Kern, zur eigentlichen und wesentlichen Bestimmung seiner Existenz?

In dem Stück «Brief an einen General» schreibt er: «Es gibt nur ein Problem, ein einziges in der Welt: Wie kann man den Menschen einen geistigen Sinn, eine geistige Unruhe wiedergeben; etwas auf sie herabrieseln lassen, was einem gregorianischen Gesang gleicht! … Man kann doch einfach nicht mehr leben nur von Eisschränken, von Politik, von Bilanzen und Kreuzworträtseln. Man kann es nicht mehr. Man kann nicht mehr leben ohne Poesie, ohne Farbe, ohne Liebe, ohne Stille. Wenn man bloss ein Dorflied aus dem 15. Jhdt. hört, ermisst man den ganzen geistigen Abstieg. Es gilt wieder zu entdecken, dass es ein Leben des Geistes gibt, das höher steht als das Leben der Vernunft und das allein den Menschen zu befriedigen vermag». 

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