Das fallende Kreuz
In einem Aussenbezirk von Graz steht die Kirche Maria Verkündigung. Sie wurde 1974 von den Architekten Wolfgang Kapfhammer und Johannes Wegan gebaut. Die Inneneinrichtung stammt vom Künstler Gerhard Lojen. Von Anfang an war die Idee, eine Kirche zu schaffen, die auf Herrschaftssymbole verzichtet und alltäglich wirkt. Dies zeigt sich vor allem auch am Kirchturm, der 2003 dazugekommen ist. Es fällt sofort auf, dass das Turmkreuz stark geneigt ist. Man erhält den Eindruck, es könne jeden Moment vornüberfallen.
Die Pfarrei versteht dies als Zeichen für den Schöpfer, der sich in Jesus der Welt zuwendet. Man kann das allerdings auch noch anders deuten:
Fast prophetisch weist dieses Kreuz 2003 auf ein Jahrhundert hin, in dem die Gleichgewichte, die uns bisher Sicherheit gaben, fragil werden, in dem kaum mehr etwas als verlässlich gelten kann. Weder der Friede in Europa, noch die Errungenschaften der freiheitlich-liberalen Gesellschaft, noch die Lebensgrundlagen des Planeten. Unsere Selbstverständlichkeiten sind massiv ins Wanken geraten.
Das Kreuz erinnert mich: Mein Gefühl, alles stimme in meinem Leben und ich habe meine Situation im Griff, täuscht. Es braucht erschreckend wenig, und alles gerät ins Kippen. Wenn ich ehrlich bin, weiss ich, dass sich mein Leben immer in einem labilen Gleichgewicht befindet – wie dieses geneigte Kreuz.
Das macht es zu etwas sehr Tröstlichem, denn es macht mir nichts vor. Es nimmt mich – als Menschen dieses verrückten 21. Jahrhunderts – ernst.
Und wenn ich es glauben kann, dann tröstet mich auch, dass mit Jesus der menschgewordene Gott am Kreuz hing: Wenn ich falle, falle ich nicht allein. Auch Gott gerät ins Wanken, in dieser Welt. Immerhin er / sie lässt mich nicht im Stich und ist bei mir.
Abb: Kirche Mariä Verkündigung, Graz-Kroisbach, Glockenturm mit Turmkreuz, 2003. Foto: Privat
