Das leere Blatt
Viele Menschen ertragen ein leeres Blatt kaum. Sie füllen es lieber schnell mit Belanglosem oder lassen KI-Automaten Texte „zaubern“. Doch diese Large Language Models recyceln nur vorhandenen Datenbrei und schaffen nichts wirklich Neues. Für eine echte Reformation ist das weisse Blatt jedoch essenziell, da es den Moment markiert, in dem das Kommende noch offen ist.
Die reformierte Spiritualität empfiehlt seit Zwingli bewusst die Leere, etwa durch schmucklose Kirchen. Ziel ist die „Andacht“, eine innere Begegnung mit Gott, bei der die Gedanken zum Ort der Neuschöpfung werden. Hier entsteht Anteil an der fortlaufenden Schöpfung, getreu dem messianischen Vers: „Ich mache alles neu“. Ohne diese innere Leere bleibt Veränderung nur die Wiederholung von Althergebrachtem.

| Bild: Pexels.com |
Angesichts heutiger Krisen ist das Aushalten des leeren Blatts ein befreiender erster Schritt. Es ermöglicht ein hörendes, abwartendes Produzieren neuer Ideen statt sinnloser Äusserungen. Zwar gehören Austausch und Kritik im zweiten Schritt dazu, doch am Anfang steht die schöpferische Leere. Ein Sommer mit solchen leeren Momenten bildet das Fundament für die kommende Erneuerung. (cw)