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Dein Reich komme!

Gestern ging ich die Neptunstrasse in Zürich entlang und eine orange Blume fiel mir ins Auge, die ihre Blüte und einige Knospen durch den Metallzaun streckte. Die vielblättrige Blüte war nicht perfekt, wie es aussah hatte ihr die Hitze zugesetzt, so wie wohl vielen von uns zurzeit. Gleichwohl empfand ich ihre Farbigkeit und üppige Form als etwas Wunderschönes und Wohltuendes, an dem ich mich beim Betrachten und beim Weitergehen erfreute.

Orange Blüte am Strassenrand; eigenes Foto.
Orange Blüte am Strassenrand; eigenes Foto.

«Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es! oder: Dort ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.» So lesen wir im Lukasevangelium (17,20bf). Ganz gewiss ist das Gottesreich nicht etwas, mit dem Jesus die Menschen damals wie heute auf ein besseres Leben im Jenseits vertrösten wollte. Auch enttäuschte er die damaligen Frommen, die sich eine Ankunft des Messias in Macht und Herrlichkeit vorstellten, durch welche alles Böse vom Erdboden vertilgt werden würde.

Offensichtlich ist das Reich Gottes nicht ein Ort, sondern eine Seinsweise. Sie lässt sich finden, wenn wir den oberflächlichen Blick hinter uns lassen, der sich am äusseren Schein oder am Herumreiten auf dem Fehlerhaften orientiert, wenn wir beginnen, mit dem Herzen zu sehen. Die beste Voraussetzung dafür ist die Art der Kinder, ihre Unvoreingenommenheit, ihre Neugier und Offenheit. Diese Seinsweise lässt alles in neuem Licht und in grösserer Tiefe erscheinen, kleine Dinge am Wegesrand ebenso wie unsere Mitmenschen und uns selbst: Trotz körperlicher und seelischer Narben, trotz unserer Kämpfe und Fehltritte sind wir etwas Wunderbares in dieser Welt. Entdecken und anerkennen wir uns gegenseitig auf diese Weise, dann wird unter uns wirklich, worum wir immer wieder bitten: «Dein Reich komme!» (jr)