Den Namen nennen
«Name ist Schall und Rauch» lässt Goethe in der Tragödie «Faust» den Titelhelden sagen. Der Gelehrte verweigert Gretchen einen Namen für das Göttliche, denn jede Bezeichnung greift hier zu kurz. Ganz anders in der Geschichte von Mose, der vor dem brennenden Dornbusch von Gott den Auftrag erhält, das Volk Israel aus der Knechtschaft Ägyptens herauszuführen: Der Prophet möchte wissen, mit welchem Namen er vor dem Volk von ihrem Gott sprechen soll.
Namen sind in vielen Situationen von Interesse und Bedeutung. Wer im Dunkeln jemanden in der Nähe bemerkt und auf die Frage «Wer ist da?» als Antwort einen Namen erhält, wird in der Regel eine Beruhigung verspüren. Ist ein Schaden entstanden, wollen die Betroffenen einen Namen, um die verantwortliche Person zur Rechenschaft zu ziehen. Liegt ein Geschenkpaket ohne Absender vor der Haustüre, steigt die Neugier, wer hinter dieser Überraschung steckt, und ob der Name nicht doch irgendwo auffindbar ist.
In ursprünglichen Kulturen hat eine junge Person oft in Initiationsriten einen bedeutungstragenden Namen erhalten, etwa einen Tiernamen, der auf eine passende Eigenschaft der Person hinweist. Die Verknüpfung von Namen und Bedeutung ging in der westlichen Zivilisation fast ganz verloren. Jedoch ist und bleibt der Name ein wichtiges Element der Identifizierung.
Seit die Bahnhofkirche vor 25 Jahren ihre Türe öffnete, haben die Seelsorgenden beim Verfassen der Weg-Worte bewusst auf die Nennung der Autorenschaft verzichtet. Der Tagesimpuls sollte ein Angebot der Bahnhofkirche sein, hinter dem das ganze Team steht. Lesende haben immer wieder Interesse daran ausgedrückt, wer da schreibt, besonders wenn persönliche Erfahrungen erzählt wurden. Dem tragen wir Rechnung und werden zukünftig dem Weg-Wort am Schluss das Kürzel der verfassenden Person hinzuzufügen. Wir sind dankbar für die vielen aufmerksamen Leserinnen und Leser und ihre ehrlichen und konstruktiven Rückmeldungen. (jr)
