Der Hinduismus – anders und auch gleich
An den Freitagen im September erscheinen zum dritten Mal Gastbeiträge in den Weg-Worten. Vertreterinnen und Vertreter von Religionsgemeinschaften schreiben über Aspekte ihres Glaubens und ihrer Heiligen Schriften. Der heutige Beitrag aus hinduistischer Sicht stammt von Guido von Arx.
Die Bhagavad-Gita wird manchmal die «Bibel Indiens» genannt. Das Büchlein mit bloss 700 Versen zieht mit ihrer zeitlosen und praktischen Weisheit bis heute Menschen aus Ost und West an. Die 18 Kapitel der Gita (Kurzform) stehen in Bezug zu Yoga: Yoga der Erkenntnis, des Glaubens, der liebenden Hingabe usw. ‹Yoga› bedeutet hier nicht Körperübungen, sondern «sich [mit dem Göttlichen] verbinden».
Der Sprecher der Bhagavad-Gita ist Krishna – einer der vielen Namen Gottes im indischen Glauben. Krishna unterweist seinen Freund und Schüler Arjuna, der von Zweifeln und Kummer geplagt wird. Die Gita ist ein poetisch-philosophischer Dialog mit theologischen Themen. Ein indischer Mönch pflegte zu sagen: «Alle wahren Religionen treffen sich am Punkt der Ewigkeit.» Zeit, Ort und Umstände führen dazu, dass die eine höchste Wahrheit unterschiedlich verstanden, verkündet und umgesetzt wird.
In den verschiedenen offenbarten Schriften, sowie den Aussagen von Propheten und Religionsführern finden wir viel Übereinstimmendes. Das folgende Zitat der katholischen Heiligen Theresia von Lisieux könnte der Gita entnommen sein. Sie schrieb in ihrer Autobiografie: «Wir sollen zwar mit einer Inständigkeit beten, als würde Gottes Gnade alles allein bewirken, doch müssen wir so handeln, als gilt es, alles selbst zu verrichten.» Das entspricht genau dem 18. Vers des 4. Kapitels («Weisheit im Handeln»). Modern übersetzt könnte der Vers mit «im Flow sein» zusammengefasst werden: ein Instrument Gottes werden, um mit Hingabe und Vertrauen unsere Aufgaben zu erfüllen. Und dann loslassen. Das ist «Handeln im Nichthandeln», wie es die Bhagavad-Gita wie auch die Hl. Theresia treffend zum Ausdruck bringen. Fazit: Gott ist einer, aber die Wege zu ihm sind so vielfach wie die Menschen.
