Der Menschlichkeit verpflichtet

An den Freitagen im September erscheinen zum dritten Mal Gastbeiträge in den Weg-Worten. Vertreterinnen und Vertreter von Religionsgemeinschaften schreiben über Aspekte ihres Glaubens und ihrer Heiligen Schriften, am 5. September aus islamischer Sicht, am 12. aus hinduistischer, am 19. aus jüdischer und am 26. aus buddhistischer Sicht. Heute steuert Jürgen Rotner, Seelsorger der Bahnhofkirche, einen Gedanken zum Christentum bei.

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Während des Studiums ist mir eine kleine Erzählung ans Herz gewachsen. Sie steht am Anfang des dritten Kapitels im Markusevangelium und berichtet folgendes: Jesus ging in den Gottesdienst, an dem auch ein Mann mit einer gelähmten Hand teilnahm. Die Gegner Jesu beobachteten genau, ob er den Mann heilen würde; das galt am Ruhetag als verboten. Jesus liess sich nicht beirren und forderte den Mann auf: «Steh auf und stell dich in die Mitte!» Und in die Runde fragte er: «Was ist am Ruhetag erlaubt: Gutes zu tun oder Böses?» Seine Gegner schwiegen. Voll Enttäuschung und Trauer sah Jesus sie der Reihe nach an, dann heilte er die Hand des Mannes. Da verliessen die Gegner das Gotteshaus und planten Jesus zu beseitigen.

Immer wieder geriet Jesus in Konflikt mit den Glaubensautoritäten, nicht weil er seine Religion, der er zeitlebens treu blieb, nicht liebte, vielmehr weil er unermüdlich aufdeckte, wo die Glaubensausübung den Weg der Menschlichkeit verlassen hatte, wo sie Menschen ausschloss, unterdrückte oder ihrem Elend überliess. Wie gute Eltern, die ihren Kindern Unterstützung schenken und Freiheit zur Entfaltung lassen, so sah und verkündete Jesus Gott. Er lebte die Qualität der göttlichen Liebe über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg und lud alle Menschen guten Willens ein, es ihm gleich zu tun.