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Der Sturm und wir

Am letzten Freitagabend brach ein ungewöhnlich heftiger Sturm über die Zürcher Innenstadt herein. Ein Hitzetag wurde jäh von Platzregen und ungewöhnlich starken Windböen unterbrochen, Dächer und Abflüsse konnten die Wassermassen nicht mehr halten, im Shopville bildeten sich Teiche mitten im Durchgangsbereich. Menschen wurden vom Sturm überrascht, mussten in Hauseingängen und Einkaufsläden Schutz suchen. Einige rannten aus Angst in eine der grossen Kirchen der Altstadt.

Ein junges Paar, die Frau Schwanger, erlebte dabei skurrilerweise, dass es von einer Mitarbeiterin aus der Kirche gewiesen wurde. Die Mitarbeiterin war gerade dabei die Kirche abzuschliessen und hatte in den dicken Kirchenmauern gar nichts vom Sturm mitbekommen. Es kam zum Streit, wobei die Vehemenz der Mitarbeiterin auf die Not des Paares traf. Drohungen folgten. Aber auch eine Entschuldigung. Schliesslich wandte sich das Paar nach den Erlebnissen an die Presse. Die Schlagzeile war perfekt: «Schwangere Frau bei Sturm aus Kirche abgewiesen.»

Bild: C. Walti,19.6.2026 nach dem Sturm

Was folgte war ein Sturm anderer Art. In den Kommentarspalten gingen die Wogen hoch: «Wie unchristlich! Ist das noch Kirche?! Haben die die Weihnachtsgeschichte nicht gelesen?» Aus den bequemen Sesseln der Kommentierenden wirkte alles wie moralisches Versagen. Niemand nahm sich die Mühe genau hinzuschauen oder gar erst verstehen zu wollen, dass die Geschichte zwei Seiten hatte – und auf einem echten Missverständnis basierte.

In der Geschichte der Sturmstillung spricht Jesus ein Machtwort zum lebensbedrohlichen Sturm: «Schweig, verstumme.» (Markus 4,29) Wetterereignisse wie letzten Freitag sind bei uns selten. Sie lassen sich nicht verhindern und haben manchmal tragische Folgen. Zu Stürmen der Entrüstung hingegen lassen wir uns gerne verleiten. Sie bestehen nur so lange, wie wir sie weiter anheizen. Unser Schweigen lässt den Sturm sofort verstummen – und schafft Raum für eine genauere Betrachtung, was wirklich passiert ist. (cw)