Der Tänzer
Die hier abgebildete Figur ist das Fragment einer Kreuzabnahme Jesu aus dem 12. Jh. Der Rest der Szene ist verlorengegangen. Sie zeigte, wie Jesus nach seinem Tod vom Kreuz gelöst wird. Wenn man dies weiss, kann man sich das Fehlende vorstellen, weil es viele solche Darstellungen gibt: Seine linke Hand ist noch am Balken festgenagelt, der rechte Arm ist abgelöst und ruht auf der Schulter des Josef von Arimathäa, Maria und Johannes stehen links und rechts davon.
Aber nur die Jesusfigur ist von alldem übriggeblieben.
Wie anders sie ohne den Kontext wirkt. So frei und tatsächlich losgelöst! Wie ein Tänzer, wie ein Sufi-Mystiker beim rituellen Drehtanz. Oder wie ein Künstler, der sich nach der Vorstellung elegant vor dem Publikum verneigt. Jedenfalls wirkt diese Gestalt überhaupt nicht tot. Sie ist voller Lebensschönheit.
Sie erinnert daran: Jesus ist nicht nur der Gekreuzigte, wie er in fast jeder Kirche dargestellt wird. Die Evangelien erzählen von dem aktiv wirkenden Jesus, der ansteckend von Gott sprach, der Heilung und Zuversicht bewirkte, versöhnte, Menschen zu Gerechtigkeit und Freiheit ermutigte. Der Gemeinschaft schuf und feierte.
Und der Glaube sagt: Es gibt einen Jesus nach dem Kreuz. Der als aus dem Tod Auferweckter im Licht Gottes tanzt, schwebend und leicht.
Und zuweilen berührt uns dabei seine Hand… (mb)
Abb: Kreuzabnahme Christi, bekannt als „Christ Courajod“, Burgund, 1125 – 1150, Musée du Louvre, Paris. Foto: Jebulon. Wikimedia Commons
