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Die Kirche sind wir

Am 31. Mai beging das katholische Bistum Chur in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs den Abschluss seines Bistumsjahres. Im Zentrum stand die Feier einer Messe mit Bischof Joseph Maria Bonnemain.
Im Vorfeld wie auch in der nachträglichen Berichterstattung wurde betont, dass die Kirche sich damit «mitten unter die Menschen» begebe und der Anlass eine Art «Volksfest» gewesen sei.

Mich hat diese Wahrnehmung erstaunt, denn das Feiern einer Messe ist ja eigentlich das pure Gegenteil eines Anlasses für das Volk. Es gibt kaum ein religiöses Ritual, das mehr Leute ausschliesst als die Messe. Sie ist Katholik:innen vorbehalten. Aber nach Kirchenrecht auch nur denen, die nicht z.B. offen in einer homosexuellen Beziehung leben oder nach einer Scheidung wiederverheiratet sind (neuerdings gibt es immerhin Ausnahmen). Damit sind vom «Volk» ziemlich viele ausgeschlossen. Und dass Frauen per Definition die Messfeier nicht leiten dürfen, ist ein Kapitel für sich… Mitten unter den Menschen? Doch eher nicht.

Zudem: Wer wie Joseph Bonnemain im Bischofsgewand durch die Bahnhofshallen schreitet, ist eben gerade nicht bei den Leuten. Vielmehr wird durch solche Inszenierung die Differenz hervorgehoben. Als Bischof ist er anders als «die Leute». Er hebt sich von ihnen ab. Das ist die Botschaft.

Leider ist in der Berichterstattung völlig untergegangen, dass die katholische Kirche seit 25 Jahren am Hauptbahnhof mitten unter den Menschen ist. Und dies erst noch in ökumenischer Zusammenarbeit mit den Reformierten: Als Mitträgerin der Bahnhofkirche, mit bestens qualifizierten Seelsorger:innen, 365 Tage pro Jahr, von 7 Uhr bis 19 Uhr. In geduldiger, manchmal herausfordernder Arbeit mit Menschen jeglicher Herkunft und religiöser Zugehörigkeit. Ohne inszeniertes Spektakel. Alltäglich. Aber durchaus nachhaltig.

Ich behaupte: Die Kirche am Hauptbahnhof – das sind wir: die Bahnhofkirche! (mb)

Abb: Bahnhofkirche Zürich. Foto: Manuela Matt, 2020