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Die Tasse leeren

Mit dem gestrigen Aschermittwoch ist die christliche Welt eingetreten in die 40-tägige, bis Ostern dauernde Zeitspanne, die in der katholischen Tradition «Fastenzeit», in der protestantischen «Passionszeit» genannt wird. Nach der ausgelassenen, schrillen fastnächtlichen Auskehr sollen nun die Tage der Einkehr, der Innenwendung, der Stille folgen. Mit Goethe gesprochen: «Denn ein äusserlich Zerstreuen, das sich in sich selbst zerschellt, fordert inneres Erneuern, das den Sinn zusammenhält.» In aller Regel geht in unserer Spass-, Party- und Happening getriebenen Gesellschaft die Fasnacht nach der Fasnacht fröhlich weiter. Denn Einkehr, Stille und Selbstbegegnung scheinen dem heutigen Menschen unerträglich.

Gesetzt den Fall, die nun folgende Fastenzeit würde in uns tatsächlich das Bedürfnis nach einem nicht nur körperlichen, sondern auch nach einem seelischen und geistigen Fasten entfachen, was wäre infolge zu tun oder zu lassen? Dazu eine Lehrgeschichte aus der Zen-Tradition:

Nan-Jin, ein japanischer Meister der Meiji-Zeit, empfing den Besuch eines namhaften westlichen Gelehrten, der etwas über die Zen-Meditation erfahren wollte. Nan-Jin servierte Tee. Er goss die Tasse seines Besuchers voll, hörte aber nicht auf weiterzugiessen. Der Professor beobachtete das Überlaufen, bis es ihm zu viel wurde. „Hör bitte auf! Du siehst doch, die Tasse ist voll, übervoll!“ Nun, meinte Nan-Jin in meisterlichem Ton zu seinem Gast: «Das bist Du! Übervoll wie diese Tasse, voll mit Hab und Gut, Gedanken und Konzepten, Meinungen und Vorstellungen. Ich kann dir Mediation nur beibringen, wenn du bereit bist, deine Tasse zu leeren.»