Die verschüttete Milch
Till Eulenspiegel liebte es, die Leute an der Nase herumzuführen und ihnen den Spiegel vorzuhalten. Anfang des 16. Jahrhunderts erschien ein Buch mit 95 Geschichten aus seinem Leben, aber ob er jemals existierte, ist ungewiss.
Die 68. Geschichte erzählt, wie Eulenspiegel auf dem Markt zu Bremen Bäuerinnen beim Verkaufen der Milch zusah. Am folgenden Markttag kam er mit einem grossen Bottich, kaufte alle Milch auf und schüttete sie dort hinein. Bei jeder Bäuerin liess er die entsprechende Menge Milch anschreiben. Er bat um Geduld, bis er die Milch beieinanderhabe. Danach werde er jeder Frau ihre Milch bezahlen.
Die Bäuerinnen setzten sich in einen Kreis um Eulenspiegel und den Bottich. Als keine weitere Milch mehr angeboten wurde und der Zuber fast voll war, forderten sie ihre Bezahlung. Eulenspiegel aber sagte augenzwinkernd: «Ich habe nicht genug Geld dabei. Wer nicht 14 Tage warten will, soll seine Milch wieder aus dem Bottich herausnehmen.» Und sogleich verliess er den Markt.
Nun begann unter den Bäuerinnen ein grosses Geschrei. Eine behauptete, sie habe so viel gehabt, die andere so viel und so weiter. Die Frauen schlugen mit ihren Eimern, Fässchen und Flaschen aufeinander ein. Sie gossen einander die Milch ins Gesicht und auf die Kleider. Am Schluss sah der Marktplatz so aus, als hätte es Milch geregnet. Zum Schaden hatten die Landwirtinnen noch den Spott der Bürger, die sich vor Lachen die Bäuche hielten.
Natürlich ist es gemein von Till Eulenspiegel, sich auf Kosten der hart arbeitenden Frauen lustig zu machen. Zugleich offenbart er mit seinem Streich, wie wir in Situationen, in denen wir Übervorteilung befürchten, die Ruhe verlieren können, in einen Kampfmodus geraten und vielleicht sogar aus der Situation Vorteil ziehen wollen. In solchen Momenten einen kühlen Kopf zu bewahren und ein gerechtes Vorgehen zu finden, braucht Bewusstheit. Die wünsche ich uns allen heute und immer wieder.
