Dreh’s um!

Wer in der Psychiatrie-, Bahnhof- oder Gefängnisseelsorge engagiert ist, weiss um jene wiederkehrenden Gespräche, die sich um Sinn- und Sinnlosigkeit des Lebens drehen. Die Gründe, das Leben als sinnlos, als Zumutung und Affront zu erleben sind vielfältig. Die folgenden Sätze sprechen es ungeschminkt aus: «Was soll der ganze Scheiss». «Ich hab eh alles verkackt». «Ich sehe keine Zukunft mehr für mich». «Wer will denn schon einen psychischen Krüppel wie mich». «Ich bin nur Dreck am Strassenrand». «Auf mich wartet nichts und niemand mehr, ausser der Tod».

Was sagen, was entgegnen auf solche Sätze bar jeder Illusion, ohne in die Schatulle abgegriffener pfäffischer Trostworte zu greifen, ohne mit der Bibel auf offene Wunden zu schlagen? Kürzlich sass mir ein lebensüberdrüssiger Mann gegenüber. Seine Klage: «Meine Frau, mein Ein und Alles, ist verstorben. Ohne sie bin ich nichts. Kinder habe ich auch keine. Was also habe ich vom Leben noch zu erwarten?» Ganz kurz habe ich überlegt, ob ich ihm sagen soll: «Drehen Sie’s um und fragen Sie: Was erwartet das Leben noch von mir. Welche Aufgabe wartet noch auf mich?» Ich habe mir den Einwand verkniffen. Stattdessen habe ich ihm folgende Geschichte erzählt:

Ein zu lebenslanger Haft verurteilter Mann wurde einmal auf die Teufelsinseln deportiert. Als das Schiff auf hoher See war, brach ein Brand auf. In der Not der Situation wurde der Gefangene von seinen Fesseln befreit und beteiligte sich an den Rettungsarbeiten. Er rettete zehn Menschenleben. Später wurde er dank dieser Heldentat begnadigt.

Nun, was meinen Sie? Wenn man diesen Mann vor dem Einschiffen im Hafen gefragt hätte, ob sein Weiterleben noch einen Sinn haben könnte, hätte er wohl den Kopf geschüttelt. Nach der Rettungsaktion ganz sicher nicht mehr. Will heissen: Niemand kann je wissen, welche alles verändernde Stunde noch auf ihn wartet. 

Bildquelle: Privat. Phönix entsteigt der Asche