Du bleibst, was du bist!

Seit letztem Jahr mäandert vor meinem Haus ein vor 80 Jahren kanalisierter Bach wieder frei und lebendig durch die Landschaft. Nach der «Künstlifizierung» nun die Renaturierung. Unglaublich, wie schnell sich die Tier- und Pflanzenwelt den ihnen vom Menschen gestohlenen Lebensraum wieder zurückerobert.

Es scheint, es gäbe es in uns Menschen einen Hang, gar einen Zwang, in das von der Natur so genial Geschaffene verändernd einzugreifen und nach dem Geschmack der Zeit umzumodeln und zu verbessern. Dieser Zwang zur Selbstoptimierung begegnet einem heute Schritt für Schritt. Und er wird befeuert von einer Gesellschaft, die getrieben ist von der gnadenlosen Logik des immer mehr, immer grösser, immer besser, immer schöner. Da ist kein Platz für die Fehlerfreundlichkeiten der Natur. Also mach aus dir eine Kunstfigur!

Falls der schönheitschirurgische Eingriff nicht optimal gelingt, verwandelt sich das ursprüngliche Gesicht in eine seltsam verformte Fratze. Zwar glattgebügelt, faltenfrei und lippenvoll – aber nun ein seltsam charakterloses Kunstprodukt. 

Wieviel an Minderwertigkeit, an Selbstablehnung oder gar Selbsthass muss sich hinter diesen künstlich aufgeputzten Fassaden verstecken? Das wiederum weiss die Schönheitsindustrie und Schönheitschirurgie höchst einträglich zu nutzen. Ebenso all jene Influencer in den Sozialen Medien, die namentlich den jungen Frauen einflössen, was alles an ihnen zu verbessern sei, damit sie sich künftig vor dem Spiegel besser fühlen und bei den Jungs und auf dem Markt der Eitelkeiten erfolgreicher sein können. Drum investiert in euren Körper, er ist euer Kapital!

In Goethes Faustdichtung antwortet Mephisto auf die Frage von Faust, was er denn sei, wenn er nicht erringen würde, wonach sich alle seine Sinne richten würden: «Du bist am Ende – was du bist / Setz dir Perücken auf von Millionen Locken / Setz deinen Fuss auf ellenhohe Socken / Du bleibts doch immer, was du bist.»