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Ein fragwürdiger Gott

Das Buch Exodus im Ersten Testament erzählt, wie das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit wird und auf dem Weg in das ihm verheissene Land durch die Wüste irrt. Im 17. Kapitel lesen wir, dass das Volk unter Wassermangel leidet und – vom Verdursten bedroht – gegen seinen Anführer Moses rebelliert. Auf Anweisung Gottes schlägt Moses mit seinem Stab auf einen Stein, aus dem dann in wundersamer Weise Wasser hervorquillt. Die Menschen sind gerettet.
Moses nennt den Ort Massa und Meriba. Diese Wörter bedeuten „Versuchung“ und „Streit“. Sie erinnern daran, dass das Volk mit ihm gehadert und Gottes Fürsorge infrage gestellt hat, „indem sie sprachen: Ist Gott in unserer Mitte oder nicht?», wie es im biblischen Text heisst (Exodus 17, 7).

Die Episode spiegelt eine Urerfahrung nomadisierender Menschen in Wüstengebieten wider: Das Leben ist nichts Gewisses, Wasser und Nahrung sind nicht garantiert. Es ist immer wieder ein Ringen ums Überleben. Dass man es schafft, ist oft ein Wunder.
Und so ist auch der Glaube an einen Gott, der das Leben erhält und es gut mit einem meint, nichts Selbstverständliches. Davon zeugt der berührende Satz: „Ist Gott in unserer Mitte oder nicht?“

Die Bibel, dieses Dokument des Glaubens, ist zugleich auch ein beeindruckendes Zeugnis des Gotteszweifels, der Infragestellung von Glaubensgewissheit. Der Text vom Wasserwunder erzählt von Rettung in höchster Not. Aber die Erfahrung, dass solche Rettung ausbleibt, wird in der Bibel nicht verschwiegen.
Glaube muss immer aufs Neue erhadert, Gewissheit errungen werden. Sie stellen sich oft nur für Momente oder in bestimmten Lebensphasen ein. Für manche Menschen kaum oder nie.

Es gehört zur besonderen Würde des biblischen Glaubens, dass Gottes Existenz befragbar und nicht immer schon Antwort ist.

Abb: Nicolas Poussin, Moses schlägt Wasser aus dem Felsen, 1637, Scottish National Gallery, Edinburgh, Schottland