Empathie – eine grundlegende Schwäche?
In einem Interview im Februar dieses Jahres äusserte sich Elon Musk über Empathie und bezeichnete sie als «grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation». Damit problematisiert und degradiert er eine zentrale menschliche Eigenschaft, nämlich die Fähigkeit mitzufühlen, mitzuleiden und sich in andere hineinzuversetzen. Aus christlicher Sicht ist Empathie noch mehr. Sie ist gleichsam die DNA des Glaubens. Jesus selbst begegnete jedem Menschen mit offenem Herzen. Egal ob Sündern, Zöllnern, Kranken, Ausgestossenen. Immer wieder können wir im Evangelium lesen, dass Jesus Mitleid mit ihnen hatte (z.B. Mt 9,36). Umso befremdlicher wirkt, was Elon Musk vom Stapel lässt. Effizienz gehe vor Mitgefühl. Zu viel Empathie behindere Entscheidungen. Wer wie Musk denkt, verkennt den Wert der menschlichen Würde. Menschen sind kein Puzzle für irgendein Projekt und auch kein blosser Baustein in einem System. Menschen sind Ebenbilder Gottes (vgl. Gen 1,27) und wir sind verpflichtet, einander in Mitgefühl, Anteilnahme und Liebe zu begegnen.
Das gelingt immer seltener. Unsere Welt ist voll von Entscheidungen, die auf Kosten anderer getroffen werden; das alles im Namen des Gewinns, des Fortschritts oder der Technik. Und wenn wir dann noch denken wie Musk und Empathie als Störfaktor oder Schwäche empfinden, verlieren wir das, was uns Menschen ausmacht. Denn Empathie ist keine Schwäche. Sie ist unsere Stärke. Sie ist das, was Jesus selbst vorgelebt hat und was wir heute mehr denn je brauchen: im Umgang mit mittellosen, geflüchteten, einsamen, andersdenkenden Menschen. Nicht technologische Perfektion macht unsere Welt heil, sondern das Herz, das sieht, das hört, das fühlt und entsprechend handelt. Musk mag es womöglich gelingen, Raketen zu bauen, die bis zum Mars fliegen. Doch wer ohne Liebe und Empathie lebt, verfehlt den Himmel: «Und wenn ich (…) alle Erkenntnis hätte (…) und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.» (1 Kor 13,2)
