Es gibt keine anderen
Vom ersten deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer ist die Aussage überliefert: „Nehmen Sie die Menschen so wie sie sind. Es gibt keine anderen.“
Das klingt banal, ist aber anspruchsvoll und vor allem sehr weise.
Mir fällt auf, wie oft Menschen erwarten, dass andere, mit denen sie Schwierigkeiten haben, sich ändern. Sie wünschen oder fordern es von ihnen. Sie hoffen es lange und oft verzweifelt: Dass er oder sie sich irgendwann ändert und es endlich einfacher mit ihm oder ihr wird.
Wir Menschen jedoch sind erstaunlich Änderungsresistent. Im jüngeren Erwachsenenalter ist der Charakter herausgebildet, und dann braucht es viel, dass sich unsere Verhaltensmuster oder Persönlichkeitsstruktur verändern.

Wenn ich meine Mitmenschen also nehme wie sie sind und keine anderen erwarte, dann macht mich das frei. Dann kann ich genau hinschauen und mich im Verhältnis zu ihnen wahrnehmen: Wie tickt dieser Mensch? Was löst er bei mir aus? Und warum?
Ich kann mich dann auch zu ihm verhalten, anstatt ihn mit meinen Erwartungen zu überfordern. Kann, will ich mich auf ihn einlassen? Mag ich mein Verhalten allenfalls an ihn anpassen? Sehe ich für die Zusammenarbeit mit diesem Menschen eine Zukunft? Sehe ich für die Liebesbeziehung mit jenem eine Chance, oder muss ich mich so darin krümmen, dass ich leide?
Ich muss das Gegenüber dann nicht mehr für sein Anderssein verurteilen oder ihm / ihr mangelnden Willen zur Veränderung vorwerfen. Ich kann ihn so akzeptieren, wie er ist und mein Verhältnis zu ihm klären.
Das Erste Testament der Bibel lehrt, man solle sich kein Bild von Gott machen. Es ist weise, sich auch keines von einem Menschen zu machen. Dann werde ich frei, ihn so zu sehen, wie er ist, anstatt ihn mir auszumalen, wie ich ihn gern hätte.
Abb: Menschen auf der Mariahilferstrasse, Wien. Foto: Florian Wieser, Heute.at