Franz von Assisi
Haben Sie spirituelle Wegbereiter:innen? Jemanden, der Ihnen mehr oder weniger zufällig begegnete und sich für Ihre Spiritualität als zentral herausstellte? Am 3. Oktober starb Franz von Assisi und trotz der acht Jahrhunderte, die mich und meine Lebenswelt von seiner trennen, wurde Franz von Assisi ein spiritueller Wegbereiter für mich.
«Sag mir, wie du betest, und ich sage dir, wer du bist!», sagt man. Bei Franz von Assisi kann man dieses Sprichwort wörtlich nehmen. Eine der wenigen schriftlichen Überlieferungen von Franz von Assisi ist sein «Cantico delle Creature», sein «Sonnengebet». Im „Sonnengebet“ dankt Franz von Assisi Gott für Gottes Schöpfung. Wobei Gottes Schöpfung in diesem Gebet unsere gesamte Umwelt umfasst: Unser Planet «Mutter Erde», unser Universum mit «Bruder Mond und den Sternen» und «Schwester Sonne» sowie die Elemente «Bruder Wind», «Bruder Feuer» und «Schwester Wasser», die unser Leben hier erhalten. Was Gott geschaffen hat, ist Gottes Werk und soll von uns Menschen geehrt werden.
Wie wir Gottes Schöpfung ehren können, lebte uns Franz von Assisi vor. Er pflegte seine Beziehung zu Gott im Gebet und die Beziehung zur Schöpfung, indem er sich regelmässig in die Natur hineinbegab. Zur Kontemplation zogen sich Franz von Assisi und seine Gefährten in den Eremo dei Carceri, einen «abgelegenen, einsamen Ort» am Monte Subasio oberhalb von Assisi zurück.
Als ich das erste Mal im Eremo dei Carceri war, um dort zu meditieren, wusste ich kaum etwas über Franz von Assisi. Doch dieser Ort vermittelte mir eine Verbundenheit mit Gott und Gottes Schöpfung, wie ich sie lange nicht mehr gespürt hatte. Zugleich setzte dieser Ort Erinnerungen an meine Kindheit und die Berggottesdienste im Berner Oberland frei. Und so bereitete Franz von Assisi mir einen Weg, der mich zurück in eine gelebte Spiritualität führte.
Die Spiritualität von Franz von Assisi führte mich seither auch in lebensweltlichen Fragen. Wie, wenn es darum geht, ob es nun gilt, die Natur zu «bewahren» (Gen 2,15) oder uns Menschen davor zu schützen, indem wir sie uns etwas «untertan» machen (Gen 1,28). Und mit der Zeit wurde mir bewusst, dass in einem solchen Schöpfungsverständnis, Glauben und Handeln nur schwer zu trennen sind. (sa)
