Gebirgsdruck

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Beim Bau der zweiten Gotthardröhre zeigt sich derzeit eine enorme Herausforderung: Der Gebirgsdruck ist stellenweise so stark, dass sich ausgebrochene Tunnelabschnitte sofort wieder verformen. Was eben noch freigelegt wurde, wird unmittelbar wieder zusammengedrückt. Die Tunnelbohrmaschine «Paulina» kam deshalb zeitweise kaum vorwärts.

Das hat viel mit menschlichen Lebenssituationen zu tun. Es gibt Phasen, in denen man sich mühsam einen kleinen freien Raum erarbeitet. Ein Gespräch. Eine Entscheidung. Eine Grenze. Ein neuer Anfang. Man gewinnt kurz Luft – und plötzlich drückt das Leben schon wieder nach. Erwartungen, Konflikte, Angst, Verantwortung oder alte Muster verformen innerlich sofort wieder das, was man gerade erst freigelegt hat. Viele Menschen denken dann, sie seien zu schwach oder hätten versagt. Aber vielleicht ist der Druck einfach real. Nicht jede Verformung ist ein persönliches Scheitern. Manche Situationen üben tatsächlich enorme Kräfte auf einen Menschen aus. Gerade sensitive, verantwortungsvolle, engagierte Menschen versuchen oft, dem nur mit noch mehr Leistung zu begegnen. Doch äusserer Druck lässt sich nicht immer durch Gegendruck lösen. Im Tunnelbau reicht es nicht, einfach weiterzubohren. Man muss stabilisieren, absichern, den Druck verstehen und ihm intelligent begegnen. Sonst kollabiert der Raum immer wieder.

Ähnlich ist es innerlich. Menschen brauchen etwas Tragendes in sich: Ruhe, Orientierung, Beziehung, Glauben, Sinn oder einen Ort, an den sie innerlich stehen können. Denn wer nur gegen den Druck ankämpft, wird irgendwann erschöpft.

Manchmal besteht Fortschritt eben nicht darin, schnell voranzukommen, sondern trotz Druck nicht aufzugeben – und den kleinen freien Raum in sich zu schützen, bis er stabil wird. (ve)