Gefährtin Einsamkeit
«Nein, ich bin nie allein mit meiner Einsamkeit. Wenn sie sich in mein Bett schmiegt, nimmt sie den ganzen Platz ein. Und wir verbringen lange Nächte. Wir beide, ganz nah beieinander.»
Das Chanson «Ma solitude» von Georges Moustaki, aus dem diese Zeilen stammen, ist eine Ode an die Einsamkeit. Moustaki spricht damit ein Gefühl an, das fast jeder Menschen kennt. Ein veritables Leiden kann Einsamkeit allerdings werden, wenn sie sich zur Grundstimmung entwickelt, die ständig präsent ist und das Erleben umfassend prägt.
Natürlich sind es oft Menschen, die allein leben und sich nach Freundschaften oder einer Beziehung sehnen, die sich einsam fühlen. Und manchmal gibt es auch gar keine Erklärung, weshalb jemand allein bleibt. Man kann sich die Person bestens in einer Beziehung vorstellen. Trotzdem klappt es nicht.
Moustaki nimmt im Chanson eine überraschende Umwertung der Einsamkeit vor: Er macht sie zu einer Gefährtin, die zum Ich gehört; zu einem Gegenüber, mit dem es das Leben teilt.
Zitat:
«Weil ich so oft mit meiner Einsamkeit geschlafen habe, ist sie mir fast zur Freundin geworden, zu einer liebgewonnenen Gewohnheit. Sie weicht keinen Schritt von meiner Seite, ist treu wie ein Schatten.»
Das Ich hat die Einsamkeit als Teil des eigenen Lebens angenommen. Sie wird nicht (mehr) bekämpft.
Es ist eine vielfach bestätigte Erfahrung aus Therapie und Beratung: Wenn es gelingt, einen belastenden Aspekt der eigenen Persönlichkeit zu akzeptieren, anstatt ihn abzulehnen, steigert sich das seelische Wohlbefinden. Und oft ist dies auch der erste Schritt zu einer Veränderung.
Bei der Einsamkeit ist das gut nachvollziehbar: Jemand, der / die mit sich allein sein kann, wirkt auf die Umgebung anders, als wenn er / sie am Leben leidet. Und wer mit sich im Reinen ist, kann sich auch besser für andere öffnen. So entstehen Kontakte. Die Einsamkeit bleibt dann treue Freundin – aber vielleicht nicht mehr die einzige! (mb)
Foto: Kontraa Studio. Quelle: pxhere.com
