Gegen den Wind
Es ist inzwischen gut 20 Jahre her, dass ich eine Segelschule besuchen und den Segelschein für Binnengewässer erwerben konnte. Allerdings habe ich dieses Hobby danach nicht mehr weiter gepflegt und die meisten der dort erworbenen Fähigkeiten habe ich inzwischen wohl wieder verloren.
Von Anfang an hat mich fasziniert, dass moderne Segelboote in der Lage sind, gegen den Wind voranzukommen – gleich ob es sich um eine wendige Jolle oder um eine gutmütige Yacht handelt. Früher war ich mir dieser Möglichkeit nicht bewusst; ich stellte mir vor, dass der Wind das Segelboot schiebt und deswegen mehr oder weniger von hinten kommen müsste.
Doch die Segel können den Wind umlenken: Werden sie ganz an das Boot herangeholt, dann kann man das Schiff bis auf ungefähr 45 Grad an den Wind heranlenken und ein Ziel erreichen, das dort liegt, wo der Wind herkommt. Man fährt dabei eine Zickzacklinie und kreuzt gegen den Wind. So hart am Wind neigt sich das Boot deutlich zur Seite und trotz der enormen Kräfte kommt man eher gemächlich voran.
Im übertragenen Sinn finde ich das Bild ebenfalls inspirierend. Wir erleben immer wieder einmal Gegenwind in unserem Leben, wenn Vorhaben nicht so gelingen, wie wir uns das wünschen, wenn Zeit oder andere Leute gegen uns arbeiten. Es gibt Menschen, die sich in solchen Situationen wie ein Skipper verhalten: Sie nehmen die Herausforderung an, geniessen sogar das Kräftemessen, lassen sich von längeren Wegen oder gar Umwegen nicht abschrecken und bleiben geduldig dran, ohne ihr Ziel aus den Augen zu verlieren. Es ist eine bewundernswerte Einstellung, die ich mir selbst und uns allen in den Momenten des Gegenwinds wünsche. (jr)
