Geheim eingeflogener Schnee

Manchmal im Winter geschieht es, dass es in der Nacht schneit. Und wenn man sich nicht gerade in einer Stadt aufhält, sondern z.B. in den Bergen, kann es sein, dass man am Morgen aufsteht, und alles ist weiss. Gestern noch waren die Bäume kahl und grau, der Himmel düster. Jetzt ist die Landschaft mit einer hellen Decke überzogen und aus einem blauen Himmel strahlt die Sonne. Und alles ist  unberührt. Noch niemand ist durch den Schnee gestapft. Es ist, als ob das Land verzaubert worden wäre.

Die Schweizer Autorin Erika Burkart lässt solche Momente im Gedicht „Winterweh“ lebendig werden:

Eden war weiss, / kam in der Nacht / der Himmel zur Erde, / sakral schmeckte morgens geheim / eingeflogener Schnee; / unverletzt noch von Spuren, / führten weit die verlorenen Wege, / floss doch das Licht / aus dem Ersten Licht.

Für Burkart scheint solche Landschaftsverwandlung spirituellen Charakter zu haben. Der Schnee kommt vom Garten Eden her. Also von dem im Ersten Testament beschriebenen Ort der ungebrochenen Vollkommenheit. Und das Licht über den verlorenen Wegen fliesst aus dem Ersten Licht, kommt also auch ganz vom Anfang her, ist mit Gott verbunden. Gott wird in der Bibel als Ursprung des Lichtes bezeichnet.
Die Lyrikerin beschreibt das Ereignis als eine Berührung der Erde durch die himmlische Welt. Der Schnee wird geheim eingeflogen. Es ist ein wundersames Geschehen, uns Menschen unverfügbar, unserem Zugriff entzogen.
Aber es scheint neue Perspektiven zu eröffnen. Denn die durch den Schnee verloren gegangenen Wege erscheinen nun als unbegangene, von Spuren „unverletzte“, nicht schon vorgespurte Wege!

Ob es sich lohnt, einen solchen Weg zu wagen? Burkart scheint es zu glauben. Sie schreibt: „…führten weit die verlorenen Wege…“. Keine Sackgassen also, keine Wege in die Enge.

Abb: Sonnenlicht durch die Zweige eines winterlichen Baumes, 2011 Quelle: Photos Public Domain