Gehorsam oder Gespür

Die Geschichte der Arche Noah kenne ich aus der Sonntagschule. Ich verbinde mit ihr vor allem Gefühle von Geborgenheit und Rettung: immerhin bedeutet die Arche, dass es Überlebende gibt und auch in grössten Katastrophen das Leben irgendwie weitergeht!

Letzthin habe ich aber eine jüdische Auslegung der Geschichte gehört, die mich ins Nachdenken brachte. Noah gilt vielen Rabbinern als «kleiner Gerechter», weniger gerecht etwa als Abraham oder Mose. Der Grund dafür: Noah hat nur an sich selbst gedacht. Er hat von Gott klare Anweisungen bekommen, eine Rettungsarche zu bauen und diese Anweisungen einfach ausgeführt – ohne jemals Gott darum zu bitten, die Vernichtung des ganzen Restes der Menschheit und der Tiere abzuwenden. Anders haben Abraham und Mose bei allen grossen Katastrophen, die Gott über andere schickte, bei Gott darum geben, diese abzuwenden – oder weniger streng zu sein.

(Arche 2.0 in der Wasserkirche Zürich; Bildrechte: Reformierte Kirche Zürich)

So verstanden war Noah zwar gehorsam, aber zeigt wenig Gespür für andere. Diese jüdische Auslegung der Geschichte zeigt auf einen wunden Punkt bei vielen von uns, auch bei mir: Ich will es doch recht machen, ein «guter Mensch». Doch manchmal vergesse ich, dass es dabei gar nicht um mich, sondern ums Gute für uns alle geht. Wenn ich für mich alleine ein ethisch korrektes Leben führe und alles «recht» mache, geht es letztlich nur um mich. Wichtiger als meine Bereitschaft korrekt zu sein ist meine Fähigkeit die Bedürfnisse der anderen wahrzunehmen, sie zu sehen und zu hören und für sie einzustehen. Vielleicht brauche ich mehr Gespür als Gehorsam.