Genug für alle
Folgende kleine Geschichte hat mich nachdenklich gemacht:
«An einem kalten Wintertag, weit ab von jeder Zivilisation, blieb einmal ein Zug mitten auf freier Strecke stehen. Die Maschine war defekt und die Heizung ausgefallen. In den Abteilen begannen die Menschen zu frieren. Eingehüllt in ihre Mäntel sassen sie da, sorgenvoll, schweigsam und in sich versunken.
Einige Kinder begannen zu klagen und zu weinen. Da öffnete eine ältere Frau ihre Tasche, holte belegte Brote heraus und reichte sie an die zitternden Mädchen und Buben weiter. Plötzlich kam Bewegung in das Abteil: Ein junger Mann nahm seine Thermoskanne hervor und schenkte Tee aus. Eine Mutter gab ihre Decke einer fremden Frau, die ohne Mantel dasass. Immer mehr Taschen wurden geöffnet, und was zum Vorschein kam, wurde geteilt.
Nach Einbruch der Dunkelheit erreichte endlich Hilfe aus der entfernten Stadt den liegengebliebenen Zug. Draussen war es noch eisig kalt, aber die Menschen hatten aufgehört zu frieren. Die Wärme stammte von keiner Heizung, sondern von der Mitmenschlichkeit, die sich im Zug ausgebreitet hatte.»
Verbirgt sich hinter den biblischen Brotvermehrungsgeschichten dieselbe Erfahrung? Jesus hat vor der Menge Brote und Fische geteilt und dadurch womöglich andere inspiriert, es ihm gleich zu tun, und schliesslich bekamen alle genug. Wir leben in einer Zeit, in denen das Horten von Besitz absurde Masse angenommen hat. Umso mehr ist Mitmenschlichkeit nötig, damit die Gesellschaft nicht auseinanderfällt. Eigentlich braucht es bloss das Vertrauen, dass in Gottes Schöpfung genug für alle vorhanden ist, und den Willen, danach zu leben.
