Gott heilt
Die einen können nichts mit ihnen anfangen, für andere haben sie einen hohen Stellenwert in ihrer persönlichen Frömmigkeit: An den Engeln scheiden sich die Geister. Seit jeher haben sie die Fantasie der Menschen beflügelt, sie finden Erwähnung in Heiligen Schriften, tauchen in unzähligen Legenden auf und inspirieren die religiöse Kunst zu grossartigen Werken. Die Vorstellung, dass es mehr geben muss zwischen Himmel und Erde, nährt den Glauben an Engel, und ihre Bezeichnung verweist auf sie als Boten zwischen Gott und den Menschen.
Drei Engel kennt die christliche Tradition mit Namen. Die Kirche nennt sie Erzengel und feiert sie katholischerseits am heutigen Tag. Ihre Namen sind Glaubenszeugnisse: Michael bedeutet «Wer ist wie Gott?», er tritt als Überwinder des Bösen in apokalyptischen Schriften in Erscheinung. Gabriel kann mit «Gott ist meine Stärke» übersetzt werden, er verkündet Maria die Menschwerdung Christi. Rafael heisst ins Deutsche übertragen «Gott heilt», und er spielt eine Rolle im Buch Tobit, einer weisheitlichen Erzählung aus dem dritten oder zweiten vorchristlichen Jahrhundert.

Die Geschichte berichtet von Tobit, der im Exil erblindet und seinen Sohn Tobias auf eine Reise schickt. Dieser erhält mit Rafael einen unterstützenden Begleiter. Unterwegs findet Tobias die Liebe von Sara. Dank der Hilfe des Engels kann Tobias die junge Frau von einem Fluch befreien und findet durch Rafael auch ein Heilmittel, um seinem Vater das Augenlicht wiederzugeben.
Im Kontrast zu den Erzengeln Michael und Gabriel, die an zentralen Stellen der Heilsgeschichte aktiv werden, bleibt Rafael lange unerkannt als Begleiter des jungen Tobias und gibt durch seine sachten Impulse der Geschichte eine gute Wendung. Vielleicht repräsentiert er am zutreffendsten die heilsame Präsenz Gottes in der Welt und in unseren Herzen. Rafael wirkt auf eine Weise, wie es Rudolf Otto Wiemer in einem Gedicht zum Ausdruck bringt, das so beginnt: «Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein, oft sind sie alt und hässlich und klein, die Engel.».