Gottleer
Das Weg-Wort vor neun Tagen zeigte die Abbildung zweier Engel, die die Seele eines verstorbenen Menschen in einem Tuch zu Gott tragen.
Heute ist es umgekehrt: Wir sehen zwei Menschen, die einen Engel tragen. Es handelt sich um ein Bild des Malers Hugo Simberg aus dem Jahr 1903.
Der Kopf des Engels ist verbunden. Der vordere Flügel weist unten einen Riss auf, und Blutspuren sind auf ihm zu erkennen. Diese Gestalt ist geschwächt: Herabhängender Kopf, eingefallener Körper.
Hier geht es nicht um das Heil nach dem Tod, nicht um den Aufstieg in die göttliche Welt, sondern um die Heillosigkeit unserer Welt.
Man fühlt sich an Kriegsszenarien erinnert: verletzte Soldaten, die von Sanitätern ins Lazarett verbracht werden.
Ja, Gott hat einen schweren Stand in dieser Welt der Kriege – so lässt sich das Bild lesen. Seine/ihre Boten brechen verletzt zusammen. Es gibt keinen Platz für Gott.
Und das Gemälde strahlt ja auch eine tiefe Traurigkeit aus. Illusionslos blickt uns einer der Knabe an. Die Welt ist gottleer.
Oder…?
Sind nicht gerade diese beiden Knaben Hoffnungsträger? Vielleicht ohne es zu wissen?
Denn sie lassen den Gottesboten nicht liegen, sondern bringen ihn an einen Ort, wo er vielleicht Hilfe erhält. Und sind sie es, die seinen Kopf verbunden haben? Kann er wieder heil werden?
Wenn die Welt gottleer scheint, werden Menschen manchmal zu Platzhalter:innen Gottes; zu Träger:innen der Mitmenschlichkeit, der Barmherzigkeit.
Manchmal, so wünsche ich mir, glaubt Gott an uns, wenn er/sie selbst an unserer Welt zerbricht.
Abb: Hugo Simberg, Der verwundete Engel, 1903, Ateneum, Helsinki . Foto: Finnish National Gallery / Hannu Aaltonen
